Afrin ist in Gefahr - Der türkische Angriffskrieg bedroht die Bevölkerung in Afrin

Afrin ist in Gefahr – Der türkische Angriffskrieg bedroht die Bevölkerung in Afrin

Seit dem 20. Januar greift die türkische Armee zusammen mit dschihadistischen Kämpfern der sog. Freien Syrischen Armee den Kanton Afrin in Nordsyrien / Rojava an. Am 10. März stand die türkische Armee nun kaum mehr als 2km von der Hauptstadt Afrin entfernt. In der Stadt leben um die 850 000 Menschen, die zum großen Teil vor dem türkischen Angriffskrieg aus ihren Dörfern in die Stadt geflohen sind, um ihr Leben zu retten. Aktuell stehen die Stadt und der letzte Versorgungskorridor unter starkem Beschuss und sowohl die Wasser- als auch die Stromversorgung sind unterbrochen. Das Leben der Menschen in Afrin selbst ist unmittelbar bedroht.

Wir können nicht tatenlos zusehen wie das türkische Regime einen Angriffskrieg führt, um seine Vorstellung eines großtürkischen Reiches zu verwirklichen und dabei tausende Menschen ermordet, die komplette Infrastruktur vor Ort zerstört und ein Leben in Frieden und Freiheit – wie es in Rojava versucht wird aufzubauen – unmöglich macht.

Wir möchten durch dieses Flugblatt das Schweigen der Medien zum türkischen Angriffskrieg durchbrechen und Informationen über die konkrete Lage vor Ort, wie auch über Hintergründe des Krieges verbreiten.

Auf dass immer mehr Menschen ihre Stimme zu einem klaren „Nein zum Krieg in Afrin!“ erheben.


Der türkische Angriffskrieg

Die Selbstverteidigungseinheiten Rojavas, allen voran die YPG/YPJ und das Internationale Freiheits Bataillon haben den sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) aus fast allen relevanten Gebieten Syriens zurückgedrängt.
Die faktische Zerschlagung des sogenannten Kalifats, wofür ins Besondere die Befreiung Rakkas entscheidend war, machte den Weg für das türkische Regime frei, um gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen:

Einerseits geht es darum, die Gebietsansprüche der Türkei in Syrien zu verwirklichen und andererseits darum, die kurdische Bewegung zu schwächen bzw. zu zerschlagen. So will die türkische Regierung von der inneren politischen und wirtschaftlichen Krise ablenken und gleichzeitig ihr Ziel eines großtürkischen Reiches ideologisch und faktisch untermauern. Der ideologische und inhaltliche kurdische Feind kommt da gerade recht und wird aufs äußerste bekämpft.

So trat die türkische Armee zusammen mit dschihadistischen Milizen am 20. Januar den Krieg gegen Afrin los. Seitdem gibt es Tag für Tag Bombardements und Angriffe seitens der Bodentruppen. Hunderte tote ZivilistInnen und noch mehr Verletzte, sowie die komplette Zerstörung der aufgebauten Infrastruktur sind die Folge. Der türkische Staatspräsident Erdogan spricht bei dem Krieg von einer „Säuberung“ und nannte diese Operation dann noch zynischerweise „Olivenzweig“.

Wenn es nach Erdogan und dem türkischen Regime geht, so stellt Afrin nur den Anfang einer Reihe von Gebietserweiterungen dar. Am 10. März machte Erdogan beim AKP-Kongress in Mersin nochmals deutlich, dass das erklärte Ziel für ihn ist ganz Nordsyrien zu „säubern“ und unter seine Kontrolle zu bringen. Nach Afrin stehen Manbij, Kobani, Tel Abyad, Sere Kaniye und Qamischlo auf der Agenda. Die Bekanntmachung unterstrich er mit dem Wolfsgruß der faschistischen Grauen Wölfe, um seinen Schulterschluss mit der faschistischen MHP deutlich zu machen, die ihrerseits den Angriff auf Afrin als Gebietserweiterung der Türkei feiert.
Im gleichen Atemzug wies Erdogan auf das Recht der Türkei auf „Selbstverteidigung“ hin. In einem Artikel auf telepolis* stellte die Autorin Elke Dangeleit einen Vergleich auf, um die Dimension des Auftretens Erdogans zu verdeutlichen: „Das wäre in etwa so, wenn Kanzlerin Merkel in Polen einmarschieren ließ, um die deutsche Demokratie zu verteidigen und zur Bestärkung die Hand zum Hitlergruß erheben würde.“

Drohendes Massaker

Durch ein solches Auftreten des türkischen Regimes und der Tatsache, dass die türkische Armee zusammen mit dschihadistischen Milizen gegen Afrin kämpft, aber auch durch Bilder und vor allem laut der Einschätzung der Menschen vor Ort muss davon ausgegangen werden, dass in Afrin ein Massaker bevorsteht.

Besonders in Erinnerung geblieben ist der Angriff des sogenannten Islamischen Staats, der im August 2014 im irakischen Shengal in Dörfer eindrang und mehrere tausend Jesidinnen und Jesiden ermordet, sowie 5000 Frauen, Mädchen und Kinder gefangen genommen und versklavt hat. Und jetzt kämpfen Teile des IS an der Seite der türkischen Armee.
Auch beim laufenden türkischen Angriff auf Afrin gibt es zahlreiche Berichte über vermisste DorfbewohnerInnen, Plünderungen und Verfolgungen. Befürchtet wird, dass die Ereignisse von Shengal sich in Afrin wiederholen könnten.

Gebietserweiterungen der Türkei
Die MHP hat in verschiedenen Städten der Türkei große Transparente aufhängen lassen, in denen die neuen Gebietserrungenschaften der Türkei bekanntgegeben und gefeiert werden: Dabei geht es um Kirkuk, Mossul und eben Afrin.

Auch zeichnet sich eine humanitäre Katastrophe ab. Die Versorgungswege sind abgeschnitten und der Treibstoff, der notwendig für die Generatoren zur Stromerzeugung ist, neigt sich dem Ende zu. Gleichzeitig ist die Wasserversorgung gekappt und die Bevölkerung hält sich notdürftig mit Wasser aus Brunnen am Leben. Die Krankenhäuser können ohne Medikamente, Wasser und Strom die zahlreichen Verletzten durch die Bombardements und Gefechte am Rande der Stadt nicht mehr versorgen.

Die Kriegs-Herren

Und trotz des Angriffskrieges der Türkei, der dramatischen Berichte von vor Ort und dem drohenden Massaker üben sich die Regierungen und die internationalen Medien in Schweigen. Der Grund hierfür ist, dass in dem Krieg auch weitere Interessen eine Rolle spielen. So verfolgen Russland und die USA ihre eigenen Interessen und nehmen Afrin als Verhandlungsmasse, um ihre Position im geostrategisch wichtigem Mittleren Osten zu stärken.
Zur Erklärung: Russland hatte die Lufthoheit über Afrin. Die türkischen Bombardements konnten also nur mit der Erlaubnis Russlands stattfinden. Das erklärte Ziel ist hierbei das Gebiet wieder in die Hände von Assad zu geben. So stellte Russland die Kurden vor die Wahl: Entweder ihr gebt Afrin an Assad oder die Türkei greift euch an! Was danach kam ist bekannt.

Die USA hielt sich ihrerseits zurück, verurteilte die Offensive verbal, stellte sich aber natürlich gleichzeitig an die Seite des NATO Partners Türkei. Die Anti-IS Koalition der USA mit den Volksverteidigungseinheiten Rojavas (YPG/YPJ), so die jüngste Bekanntmachung der USA, bezog sich nur auf das Gebiet östlich des Euphrats und nicht auf Afrin – was faktisch ein Freifahrtschein für den türkischen Angriffskrieg bedeutet.

Falls Afrin fallen sollte, die türkische Armee weiter Richtung Osten marschiert und damit die Position der Selbstverwaltungsstrukturen deutlich geschwächt wären, werden die USA sicherlich auch ihr Bündnis mit den Volksverteidigungseinheiten Rojavas östlich des Euphrats für nichtig erklären.

Die Rolle Deutschlands

Die BRD spielt sich einerseits als Schutzpatronin der JesidInnen auf, unterhält aber gleichzeitig wichtige Beziehungen mit der Türkei und hat in dem jüngst ausgehandelten Koalitionsvertrag der Großen Koalition die strategisch wichtige Bedeutung der Türkei als Partner schriftlich fixiert. Hintergrund ist einerseits der sogenannte „Flüchtlingsdeal“ bei dem die Türkei die Flüchtlinge, die vor dem Krieg in Syrien flüchten und in der EU nicht erwünscht sind, von der Ausreise nach Europa abhalten soll. Als Gegenleistung erhält die finanziell angeschlagene Türkei knapp 6 Milliarden Euro und gleichzeitig wird die Repression gegen türkische und kurdische Oppositionelle innerhalb der BRD massiv verschärft. Was das für Auswirkungen hat konnte man am 08. März beobachten, als die Verlagsräumlichkeiten des Mezopotamien Verlags in Neuss durchsucht wurden und mehrere LKW-Ladungen mit neu gedruckten Büchern von Abdullah Öcalan beschlagnahmt wurden.

Andererseits spielt das Waffengeschäft eine große Rolle. Im 2. Halbjahr 2017 wurden laut Berichten im Spiegel Waffen im Wert von ca. 14 Millionen Euro in die Türkei exportiert und zwischen 2006 und 2013 wurden 350 Panzer an die Türkei geliefert.
Der Panzerdeal von Sigmar Gabriel unmittelbar vor Beginn des Krieges musste zwar auf Grund des öffentlichen Drucks vorerst ausgesetzt werden, aber die Türkei ist schon lange einer der wichtigsten Bezieher von deutschen Waffen und spielt damit für die BRD eine äußerst wichtige Rolle. Auch im Krieg in Afrin wurden mehr als nur einmal deutsche Waffen gesichtet. D.h. nichts anderes als dass die BRD selbst am Kriegsgeschehen beteiligt ist und ein Profiteur des Kriegs in Afrin ist. So wird auch klar, warum die die Offensive der Türkei seitens der BRD wohlwollend zur Kenntnis genommen wird.

Ein Angriff auf die Freiheit

Der Krieg hat aber noch eine weitere Dimension, denn neben den ökonomischen und geostrategischen Interessen der genannten Mächte, geht es auch darum das „Projekt Rojava“ an sich zu schwächen und zu zerschlagen.

Denn Rojava ist als selbstverwaltete Region im Norden Syriens zu einem positiven Bezugspunkt für freiheitsliebende Menschen weltweit geworden und das in einer Region, die von reaktionären und repressiven Regimes dominiert wird. In Rojava steht nicht der Profit im Mittelpunkt, sondern die Bedürfnisse der Menschen.
Durch kommunale Rätestrukturen werden alle Ethnien und Völker in die Gestaltung der Gesellschaft mit einbezogen. Es ist der Kampf für Freiheit inmitten von Unfreiheit und bedeutet für die Völker in der Region einen bedeutenden Fortschritt. Rojava ist damit das Beispiel für einen fortschrittlichen und solidarischen Gesellschaftsentwurf unserer Zeit, nicht nur im Mittleren und Nahen Osten, sondern weltweit.

So ist der Krieg in Afrin nicht nur ein Angriff gegen die Bevölkerung vor Ort, sondern ein Angriff auf das fortschrittliche und solidarische Gesellschaftsprojekt Rojava und damit ein Angriff auf den Kampf um Freiheit und Befreiung an sich.

Nein zum Krieg in Afrin!

Wir können nicht tatenlos zusehen wie das türkische Regime einen Angriffskrieg führt, um ihre Vorstellung eines großtürkischen Reiches zu verwirklichen und dabei tausende Menschen ermordet, die komplette Infrastruktur vor Ort zerstört und ein Leben in Frieden und Freiheit – wie es in Rojava versucht wird aufzubauen – unmöglich macht.
Umso notwendiger ist es, dass wir uns der türkischen Aggression entschlossen entgegenstellen und internationale Solidarität mit Afrin aufbauen:

  • Konkret indem wir Informationsarbeit leisten,
  • indem wir gemeinsam auf die Straße gehen,
  • indem wir die Kämpfenden vor Ort politisch und praktisch unterstützen,
  • aber auch indem wir die Verantwortlichen klar benennen, wie z.B. die BRD, als Waffenexporteur und Profiteur von Kriegen, aber auch Rüstungsfirmen wie Rheinmetall und Thyssen Krupp.

Es liegt an jedem und jeder Einzelnen aktiv zu werden und die Stimme zu einem klaren „Nein zum Krieg“ zu erheben. Nur gemeinsam können wir diesen Krieg verhindern.

Daher: Stoppen wir die Waffenlieferungen in die Türkei und verteidigen wir gemeinsam Afrin und Rojava.
Gegen den IS, das türkische Regime und die imperialistischen Staaten!

* https://www.heise.de/tp/features/Afrin-ist-erst-der-Anfang-3990669.html


Solidarität üben – Gegen den Krieg in Afrin

  • Aktuelle Informationen per Mail erhalten. Tragt euch in den Newsletter ein, schreibt eine Mail an
    zk-stuttgart[aet]riseup.net
  • Jeden Tag findet von 15 – 19 Uhr auf dem Schlossplatz in Stuttgart eine Mahnwache gegen die Angriffe auf Afrin statt. Dort gibt es die neuesten Informationen und die Möglichkeit sich zu beteiligen.
  • Kommt zur Demonstration am Samstag, den 24. März um 16 Uhr in die Lautenschlagerstraße.
    Vor allem an den Wochenenden finden regelmäßigeDemonstrationen gegen den Krieg statt. Die aktuellen Termine gibt es an den Mahnwachen oder im Newsletter.
  • Es gibt verschiedene Kampagnen zur Unterstützung der Bevölkerung und der KämpferInnen vor Ort. Z.B. für blutstillende Celox Verbände. Informationen findet ihr unter: www.rojava-solidaritaet.tk

Informationsquellen


>> Erklärung: Graue Wölfe

Die Grauen Wölfe sind eine türkische faschistische Organisation, deren Beteiligung an Morden und an Massakern gegen Minderheiten, Aleviten, Kurden und Linke seit den 1970er Jahren auch in Deutschland bekannt ist. Ihr Ziel ist die Schaffung beziehungsweise die Wiederherstellung eines Weltreiches der „Turkvölker“ unter Herrschaft der Türkei.


>> Erklärung: Jesiden

Die Jesiden sind eine Volksgruppe aus Obermesopotamien (Al-Dschazira), die auf syrischem, irakischem und türkischem Gebiet verteilt sind.


Zusammen Kämpfen | www.zk-stuttgart.tk