Gewalt gegen Frauen* …

Laut der neuesten Statistik des Bundeskriminalamts 
waren im Berichtszeitraum 2017 in Deutschland 
138.893 Menschen von Gewalt innerhalb ihrer Partnerschaften betroffen, über 82% davon sind Frauen. Neben anderen Straftaten wurden 364 Mordanschläge auf Frauen verübt, 141 sind dabei ums Leben gekommen. 13% der in Deutschland lebenden Frauen* haben seit ihrem 16. Lebensjahr strafrechtlich relevante Formen der Gewalt erlebt, dazu zählen sexuelle Nötigung, versuchte Vergewaltigung und Vergewaltigung. 25% der Frauen waren in ihrer Partnerschaft oder Ehe körperlicher und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt. Anhand der veröffentlichten Statistiken ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs zu sehen. Der geringste Teil der Übergriffe wird von den Opfern zur Anzeige gebracht, die Dunkelziffer liegt bei ca. 80%.

… hat System

In unserer Gesellschaft ist Gewalt an Frauen* alltäglich, sie wird als naturgegeben hingenommen und kommt in allen Schichten unserer Gesellschaft vor. In der breiten Öffentlichkeit und den Medien wird von Ehedramen, Eifersuchtstaten und Einzelschicksalen geredet und kein Zusammenhang zwischen den Taten hergestellt.
Das was hier individualisiert wird, hat jedoch System. Es ist zurückzuführen auf systemische Unterdrückungsverhältnisse: das Patriarchat und den Kapitalismus.

Patriarchat…

ist eine Herrschaftsform, die die Unterdrückung der Frau* durch den Mann beinhaltet. Dieses herrschende Verhältnis ist bereits vor dem Kapitalismus entstanden, wirkt auf vielen Ebenen und hat sich in unserem gesellschaftlichen Zusammenleben fest etabliert. Das Patriarchat ist ohne tatsächlich körperliche und psychische Gewalt und eine permanent angedrohte Gewalt nicht durchsetzbar.

Ein patriarchaler Wirkmechanismus, der durch die tatsächlich angewandte sowie permanent drohende Gewalt durchgesetzt wird, ist der konstruierte Besitzanspruch des Mannes über die Frau*. Dies gilt in weiten Teilen der Gesellschaft als unhinterfragte Selbstverständlichkeit. Hierbei ist die männliche Kontrolle über die weibliche Sexualität besonders hervorzuheben. Die Selbstbestimmung der Frau* über ihren Körper, ihre Sexualität, ihre Lebenssituation und ihre Zukunft ist nicht gegeben und auch nicht erwünscht. Debatten eines männerdominierten Systems, in denen über die Abtreibung unerwünschter Kinder entschieden wird und Frauen, die abtreiben wollen, die Entscheidung über sich und ihren Körper abgesprochen wird, bringen dies zum Ausdruck. Grundlage dieser Argumentation ist, dass Frauen* theoretisch immer auch vor sich selbst, ihren Entscheidungen und Taten geschützt werden müssen. Eine eigene Meinung und Selbstbestimmung wird ihnen permanent abgesprochen. 

Stereotype und hierarchisierte Geschlechterrollen – hergeleitet und gerechtfertigt durch physische Unterschiede – dienen als Rechtfertigung der Unterdrückung der Frauen*. Dies beginnt bereits bei der rollenspezifischen Erziehung von Mädchen und führt zur Arbeitsteilung bei der Haus- und Familienarbeit. Die Rollenzuschreibungen bei den Geschlechtern mit ihren konnotierten Bewertungen ebnen den Weg für physische, psychische und sexualisierte Gewalt. Zu diesen Rollenzuschreibungen zählen zum einen vermeintlich weibliche Eigenschaften wie Passivität, Emotionalität, Zurückhaltung und Anpassungsfähigkeit, zum andern vermeintlich männliche Eigenschaften wie Aggressivität, Dominanz und Rationalität.

Gewalt gegen Frauen* ist …

notwendig, um die herrschende patriarchale Geschlechterordnung zu bewahren. In allen Herrschaftsverhältnissen ist Gewalt elementarer Bestandteil, um diese aufrecht zu erhalten. Es gilt aber Gewalt gegen Frauen*, aufgrund ihrer Sexualisierung, eigenständig zu betrachten. Sie ist nicht direkt vergleichbar mit der Gewalt in anderen Herrschaftsformen. Gewalt gegen Frauen* hat viele verschiedene spezifische Ausformungen. Die häufigsten Übergriffe auf Frauen* finden im häuslichen Umfeld durch (Ehe-)Partner oder männliche Familienmitglieder statt. Über psychische, emotionale, physische oder sexuelle Angriffe wird die Frau* in ihrem Erscheinungsbild, ihren Entscheidungen und Verhaltensweisen kontrolliert und konditioniert und dadurch der Besitzanspruch über die Frau* und ihren Körper durchgesetzt.
Auch im öffentlichen Raum wird durch Gewalt und drohende Gewalt auf Frauen* eingewirkt um ihre Bewegungsfreiheit und das Benehmen zu lenken. Wo sich Frauen* z.B. nachts mit wem aufhalten sollten, wie sie dabei gekleidet sein sollten und wie sie auf männliche Personen zu reagieren haben. Der Gedanke an den Nachhauseweg, allein und bei Nacht, zu Fuß oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, lässt bei fast allen Frauen* ein Unwohlsein und ein unsicheres Gefühl aufkommen. Die meisten vermeiden solche Situationen von vornherein. Männer sind von solchen Einschränkungen nicht betroffen.
Frauen* wird in der Öffentlichkeit wenig Raum zugesprochen und eingeräumt. Nehmen sie sich diesen durch ein präsentes Auftreten, Gestik oder eine laute Sprechweise, wird das in gesellschaftlichen oder beruflichen Zusammenhängen oft als unangenehm empfunden.
 
Frauen* unterliegen permanent Eingriffen in ihre körperliche Gesundheit sowie ihre Selbstbestimmung. Durch gesellschaftlichen Druck bis hin zur Ächtung wird erreicht, dass der Frau* keine eigenständige Entscheidungsmöglichkeit bleibt. Um weiterhin Teil des sie umgebenden sozialen Gefüges zu bleiben, fügen sich viele Frauen* kampflos in das für sie vorgesehene Los. Als drastisches Beispiel für körperliche Eingriffe sind Beschneidungen zu nennen. Die weibliche Genitalverstümmelung wird hauptsächlich in afrikanischen Ländern, einigen asiatischen Ländern und dem mittleren Osten durchgeführt. Aber auch in Europa werden Mädchen in eingewanderten Communities beschnitten. Durch diese brutale Misshandlung wird Frauen* ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und jegliches Lustempfinden genommen. 
In bewaffneten Auseinandersetzungen wird Gewalt gegen Frauen* systematisch als Kriegswaffe eingesetzt. 
Durch Massenvergewaltigungen und Schwängerungen sollen die gesellschaftlichen Zusammenhänge und die Zukunft „feindlicher“ Menschengruppen zerstört werden. Zum Einsatz kam diese Taktik unter anderem in Afghanistan, der Zentralafrikanischen Republik, im Kongo und Bosnien und Herzegowina. Durch die Vergewaltigung gelten die Frauen als unrein und werden deshalb oft von ihren Familien oder Ehemännern verstoßen. Sie sind in diesem Zusammenhang bloße Objekte, die Auswirkungen auf ihre körperliche und psychische Gesundheit und ihre Zukunft werden als Kollateralschaden hingenommen. Auch mehrere Generationen später sind die Auswirkungen dieser Kriegsstrategie noch immer zu spüren.

… und Kapitalismus

Wir leben zeitgleich in einem kapitalistischen System, das auf Ausbeutung, Unterdrückung und einer Logik der Verwertung beruht. Die kapitalistische Maschinerie profitiert vom Patriarchat, hat dessen Wirkmechanismen integriert und sich zu Nutze gemacht. Denn das Patriarchat bietet mit seinen, den Geschlechtern zugewiesenen und zementierten Rollenbildern, einen großen Vorteil für die kapitalistische Mehrwertproduktion.
So verüben Frauen* in unserer Gesellschaft etwa 80% der unbezahlten Haus – und Sorgearbeit wie Putzen, Kochen, Waschen und insbesondere die Kindererziehung. Dadurch entstehen ökonomische Abhängigkeiten der Frau* gegenüber dem Mann, welche durch gesellschaftliche Konstrukte, wie z.B. der Ehe noch zementiert und gesetzlich festgeschrieben werden. Diese Abhängigkeiten bieten der patriarchalen Gewalt einen Nährboden, da sich die Frau* in einer benachteiligten Situation gegenüber dem Mann befindet.

Aktiv gegen die herrschende Gewalt gegen Frauen*

Das heißt für uns als Frauen*, dass wir gegen zwei verschiedene Unterdrückungsmechanismen, das Patriarchat und den Kapitalismus, aktiv vorgehen müssen, um für eine echte Befreiung der Menschen zu kämpfen.

Linke Politik und eine antikapitalistische Perspektive muss immer auch den Kampf gegen das Patriarchat beinhalten. Dieser sollte in jedes linke Kampffeld eingefügt und nicht nur am 8. März sondern ganzjährig zum Thema gemacht werden. Wir müssen den Kampf gegen das Patriarchat aktiv und von unten organisiert führen. Bestehende Rollenbilder müssen hinterfragt und die herrschende patriarchale Geschlechterordnung aufgebrochen werden.
 
Es muss Räume geben, in denen Frauen* für sich alleine arbeiten, sich und ihr Umfeld für die Thematik sensibilisieren, sich bilden, empowern und letztlich politisch organisieren können, um ihre Interessen auf die Straße zu tragen und so echte Emanzipation und Fortschritt zu erreichen.

Außerdem ist es notwendig, verschiedene feministische Kämpfe und Initiativen nebeneinander stehen zu lassen, diese zu unterstützen und solidarisch zu sein, sowohl lokal, als auch international.

… und für die Befreiung der Frau

Weltweit gibt es frauen*kämpferische Bewegungen, die seit einigen Jahren immer größer und lauter werden und sich gegen das Patriarchat wehren. Diese Kämpfe werden von Frauen* organisiert und vorangetrieben, so z.B. die Frauen*streiks in der Schweiz am 14. Juni und in Spanien am 8.März. Die kurdische Frauenbewegung in Rojava gilt weltweit als positives Beispiel der Frauen*befreiung. Frauen kämpfen dort in eigenen militärischen Verbänden gegen den Daesh und sein patriarchales und islamistisches Weltbild, für ein demokratisches System, in dem Frauen* aktiv teilhaben können, sich bilden und in Form von Frauenräten mitbestimmen können.

Es ist wichtig, dass es besondere Tage gibt, an denen sich die Frauen*bewegung vereint präsentieren und ihre Stärke und Entschlossenheit zum Ausdruck bringen kann. Im Laufe eines Jahres gibt es mehrere Daten, an denen auf die herrschende patriarchale Gewalt gegen Frauen* aufmerksam gemacht wird. 
Für uns ist der 25. November am wichtigsten, da er in der Tradition und dem Gedanken an revolutionäre Widerstandskämpferinnen begangen wird.

Aus diesem Grund heraus nehmen wir uns gemeinsam mit unseren Freund*Innen, Arbeitskolleg*Innen, Nachbar*Innen und Genoss*Innen jedes Jahr, am 25. November, dem Tag gegen Gewalt an Frauen*, die Straße. Wir machen aufmerksam auf die alltägliche und weltweit herrschende emotionale, psychische, körperliche und sexualisierte Gewalt gegen Frauen*. Wir stehen ein für eine Welt, in der Frauen* selbstbestimmt und frei von Unterdrückung und Ausbeutung leben können.



Für die Befreiung der Frau*!

Zusammen Kämpfen
www.zk-stuttgart.tk

 


Gewalt gegen Frauen* weltweit

Weltweit wird jede zehnte Frau irgendwann in ihrem Leben zu Sex oder sexuellen Handlungen gezwungen. Bis zu 46% der in Europa lebenden Frauen haben in einer Partnerschaft oder Ehe schon einmal sexuelle Gewalt erlebt, in Afrika sind es bis zu 64%, in Asien 67% und in Ozeanien sogar bis zu 68%. 37 Länder lehnen die Strafverfolgung einer Vergewaltigung ab, wenn sie in der Ehe geschieht oder die Frau ihren Peiniger danach heiratet. Mehr als 33.000 Mädchen werden täglich im minderjährigen Alter zwangsverheiratet, die Jüngsten von ihnen schon mit acht Jahren. 

Zur Zeit leben rund 200 Millionen Frauen weltweit, die als Kinder beschnitten wurden und ein Leben lang unter den Folgen leiden werden. In dem seit über 20 Jahren andauerndem Bürgerkrieg in der Demokratischen Republik Kongo sind Massenvergewaltigungen und sexuelle Gewalt schon fast Normalität. Im Osten der Republik, der weltweit gefährlichsten Gegend für Frauen, wurden 40% der Frauen und Mädchen Opfer von sexuellen Übergriffen. 

In dem vier Jahre dauernden Bosnienkrieg wurden über 25.000 muslimische Frauen systematisch vergewaltigt und rund 6.000 Ezidinnen wurden 2014 vom Daesh im Nordirak entführt und später auf Märkten als Arbeits- und Sexsklavinnen verkauft.