Kundgebung an der Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ in Stuttgart-Nord mit anschließendem Stadtteilspaziergang – Erinnern. Gedenken. Kämpfen.

Anlässlich der Befreiung von Auschwitz vor 74 Jahren durch die Rote Armee versammelten sich am 27.01.2019 um 15 Uhr 90 Personen in der Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ im Stuttgarter Norden. Sie waren dem Aufruf der Initiative Stolpersteine Stuttgart-Ost, den Ostend-Obenbleiber*innen, dem Chor „Avanti Comuna Kanti“, dem Verein „Zeichen der Erinnerung“, der Initiative Rechtspopulismus stoppen sowie Zusammen Kämpfen Stuttgart gefolgt.
Noch vor der ersten Rede wurden die Anwesenden darauf aufmerksam gemacht aus welchem Grund der Ort hier so bedeutend für die Gedenkkundgebung ist. Denn genau hier an diesen Gleisen wurden über 2600 Menschen aus ganz Württemberg zusammengepfercht und mit dem Zug in den Tod nach Auschwitz, Theresienstadt, Izbica und Riga geschickt.
Der erste Redebeitrag wurde von Harald Keller, dem Vorsitzenden des Vereins „Zeichen der Erinnerung“, gehalten. Jene Initiative, die sich für den Bau der Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ einsetzte und dafür maßgeblich verantwortlich ist, dass dieser erinnerungswürdige Platz als Gedenkstätte erhalten bleibt. (Infos zur Gedenkstätte: http://www.zeichen-der-erinnerung.org) Er ging in seiner Rede neben der Entstehungsgeschichte der Gedenkstätte und der Notwendigkeit eines Erinnerungs- und Gedenkortes in Stuttgart darauf ein, wie schwierig und zäh sich die Erinnerung und Mahnung an die Verbrechen des Nationalsozialismus in Stuttgart gestaltete. Auch diese Gedenkstätte beweise, dass keine wirkliche Aufarbeitung in der neu gegründeten BRD erfolgte, denn erst nach jahrelanger konsequenter Arbeit wurde sie 2006 eröffnet, während aktive NaziverbrecherInnen schon kurz nach 1945 wieder in der Bundesrepublik und in Stuttgart rehabilitiert wurden.
In der darauffolgenden Rede ging es inhaltlich um die Verbrechen, die in Auschwitz stattgefunden haben. Die Rednerin erläuterte nicht nur, dass im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau fast 1,5 Millionen Menschen industriell ermordet wurden, sondern betonte auch, dass der in der Gesellschaft fest verankerte Antisemitismus die notwendige Grundlage für das größte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit war.
Die Rednerin der Initiative Stolpersteine Stuttgart-Ost ging in ihren Worten auf das „Gedenken“ und seine Bedeutung näher ein. Gedenken heißt Lernen war eine zentrale Aussage ihrer ergreifenden Rede, in der sie versuchte den Überlebenden durch Zitate eine Stimme zu verleihen und zu verdeutlichen, dass es unsere Pflicht ist niemals zu vergessen was geschah. So wurden alle Opfergruppen des mörderischen Naziregimes, neben der größten Opfergruppe der Jüdinnen und Juden, benannt. Diese müssen zum Teil bis heute um ihre Anerkennung als solche kämpfen.
Den Abschluss bildeten Gedanken, die sich die VeranstalterInnen in Vorbereitung auf das Gedenken und bei dessen Organisation gemacht haben. Sie verzichteten auf heroische Appelle über den antifaschistischen Kampf gegen Neonazis, Rechtsentwicklung, AfD & Co, sondern versuchten Denkanstöße für alle Anwesenden zu geben. Sie bezeichneten eliminatorischen Antisemitismus der Nazis nicht nur als Mord, sondern als offen zu Tage tretender Zivilisationsbruch. Antifaschismus und der Kampf gegen den Nationalsozialismus ist nicht nur ein Kampf gegen Nazis, AntisemitInnen, RassistInnen und Faschisten, sondern muss auch ein Prozess der Menschwerdung an sich sein, so die Kernaussage der OrganisatorInnen.
Zwischendurch rundete der Chor „Avanti Comuna Kanti“, die verschiedenen Redebeiträge mit Liedern aus dem jüdischen und antifaschistischen Widerstand ab.

Bevor jedoch die Kundgebung nach etwa einer Stunde beendet wurde, wurde ein Kranz in Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus niedergelegt und jedeR KundgebungsteilnehmerIn gebeten eine weiße Rose mit einem daran gehefteten Zitat mitzunehmen. Wo sie diese dann zur Mahnung niederlegen würden, blieb den Leuten selbst überlassen.
Eine gute Gelegenheit um die Erinnerung im jeweiligen Stadtteil aufrecht zu erhalten bieten unter anderem die Stolpersteine. Ein Teil der KundgebungsteilnehmerInnen ging im Anschluss noch durch den Stuttgarter Osten und legte dort an mehreren Stolpersteinen Kerzen und Rosen nieder.

Redebeitrag zur Erinnerung an Auschwitz

Vor 74 Jahren am 27.01.1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz durch die 322. Infanteriedivision der 60. Armee der I. Ukrainischen Front unter dem Oberbefehl von Generaloberst Pawel Alexejewitsch Kurotschkin befreit. Mit dieser Rede möchten wir in Erinnerung rufen, was Auschwitz war.
Als nach erbitterten Kämpfen mit den verbleibenden SS – Wachmannschaften gegen 15:00 Uhr, die ersten Rotarmisten das Lager erreichten, wurde die Barbarei, welche der deutsche Faschismus über die Welt gebracht hatte, in zuvor nicht dagewesenen Ausmaß für die Welt sichtbar. Hinter dem Tor mit der zynischen Aufschrift “Arbeit macht Frei”, trafen die Rotarmisten bei ihrer Ankunft auf 7600 ausgehungerte und kranke Lagerinsassen. In den Magazinen fanden die Befreier 843.000 Herrenanzüge, 837.000 Damenmäntel und Kleider, 44.000 Paar Schuhe, 14.000 Teppiche und 7,7 Tonnen menschliches Haar.
Und dies, obwohl im Vorfeld das NS-Regime bereits große Anstrengungen unternommen hatte, um die von ihnen begangenen Verbrechen zu vertuschen. Bereits Ende 1944 ließen die Wachmannschaften die Gaskammern und einen Teil der Krematorien sprengen. Drei Wochen vor dem Ankommen der Roten Armee veranlassten die Aufseher die Räumung des Vernichtungslagers. 56.000 Menschen wurden zusammengetrieben und auf einen Todesmarsch in andere Lager wie beispielsweise Bergen-Belsen geschickt. Viele der geschwächten Häftlinge überlebten diese Tortur nicht. 15000 Menschen starben.
Jedoch konnte all dies die Existenz von Auschwitz mit seinen drei Lagern nicht vertuschen.
Das Lager III Auschwitz Monowitz, wurde als sogenanntes Arbeitslager auf Initiative Heinrich Himmlers errichtet. Die dort inhaftierten Menschen wurden zur Zwangsarbeit in den IG Farben-Werken in der sieben Kilometer entfernten Ortschaft Monowitz gezwungen. Da die Häftlinge in unzureichender Kleidung, unterernährt und fast ohne medizinische Versorgung den Weg in die Fabriken zu Fuß zurücklegen mussten, waren sie bei ihrer Ankunft meist so geschwächt, dass sie kaum noch arbeitsfähig waren. Um ihre Arbeitskraft effektiver auszubeuten, wurde in der Nähe der Fabriken das sogenannte Lager Buna errichtet. Dieses war das erste Konzentrationslager, dass von einem Privatunternehmen finanziert, errichtet, und betrieben wurde. Die Bedingungen im Lager waren tödlich. Von 35.000 Häftlingen wurden 25.000 unter der Regie des Chemie-Konzerns IG Farben durch Arbeit vernichtet. Der Überlebende und Zeitzeuge Julius Bondorf berichtete: “Auf Dauer konnte es in Monowitz nicht gelingen, seine Arbeitskraft zu erhalten, denn man konnte sich der Antreiberei nicht entziehen, dafür sorgten schon die unmenschlichen Bewacher, die zusätzlich verursachten durch Bestrafungen oder Drohungen, nach Auschwitz Birkenau – und das hieß Gaskammer, was Jeder wusste – verladen zu werden. (….) Im Laufe der Zeit erlosch bei sehr vielen Häftlingen der Überlebenswille.”
Aufgrund der geringen Arbeitsleistung der Häftlinge war ihr Einsatz betriebswirtschaftlich nicht rentabel.
Das zweite Außenlager Auschwitz Birkenau war von Beginn an als Einrichtung zur Vernichtung von Menschen ausgelegt. Ab dem zweiten Juli 1942, wurden hier die ankommenden Häftlinge zu meist Jüdinnen und Juden selektiert. Nach Geschlechtern getrennt, mussten sich die Deportierten aufstellen und von einem SS Lagerarzt begutachten lassen. Dieser entschied in kürzester Zeit, wer zum Arbeiten fähig war und wer nicht. In zwei großen Bauernhäusern, die zu Gaskammern umfunktioniert wurden, fand die Vernichtung der als arbeitsunfähig eingestuften Menschen durch Giftgas statt. Ab 1943 wurden auf dem Gelände zwei geräumige Krematorien in Betrieb genommen, die jeweils über eigene Gaskammern verfügten. Als Anfang 1944 auch eine eigene Zugrampe für das Lager Birkenau fertiggestellt wurde, waren die Voraussetzungen für die industrielle Vernichtung von tausenden von Menschen am Tag geschaffen. Von der Ankunft an der Rampe bis zum Tod in die Gaskammern vergingen dann nur 20 Minuten. In den Krematorien konnten bis zu 8000 Leichen am Tag verbrannt werden. Die aus den Häftlingen bestehenden sogenannten Sonderkommandos mussten die Leichen ihrer Mithäftlinge abtransportieren.
Auf dem ehemaligen Lagergelände erinnert heute ein Gedenkstein mit den Worten: Dieser Ort sei aller Zeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit. Hier ermordeten die Nazis etwa anderthalb Millionen Männer, Frauen und Kinder. Die Meisten waren Juden aus verschiedenen Ländern Europas.

Redebeitrag der Initiative Stolpersteine Stuttgart-Ost „Gedenken heißt Lernen“

Als Mitglied der Stolperstein-Initiative Stuttgart-Ost wurde ich gebeten, etwas zu den sogenannten Opfergruppen zu sagen.
Wenn wir aus der Vergangenheit lernen wollen für die Zukunft, ist es zunächst wichtig, den Überlebenden gut zuzuhören.
Elisabeth Guttenberger, Überlebende des Porajmos, des Verschlingens wie Sinti den Völkermord der Nazis nennen, Elisabeth Guttenberger, die im Februar 1926 in Stuttgart geboren, am 16. März 1943 mit ihrer Familie von München nach Auschwitz deportiert wurde und für die bis heute jeder Tag unendlich schwer ist, erzählt:
„Als wir nach Auschwitz deportiert wurden, blieb unser Zug aus irgendeinem Grund plötzlich stehen. Aus der Gegenrichtung kam auch ein Zug, der genau neben uns gehalten hat. Da konnten wir dem Lokführer direkt ins Gesicht sehen, und mein Vetter fragte ihn: “Sagen Sie mal, wo ist das, was ist denn dieses Auschwitz?” Ich vergesse niemals die Augen dieses Lokführers. Er hat uns angestarrt und kein Wort herausgebracht. Denn er war einer von denen, die diese schrecklichen Menschentransporte fahren mussten. Er konnte nichts sagen, er hat durch uns hindurchgesehen. Erst in Auschwitz habe ich begriffen, weshalb dieser Mann uns keine Antwort geben konnte. Er war wie versteinert.
In ihrer Rede bei einer Gedenkveranstaltung am 16. Mai 2004 in Berlin sagte Elisabeth Guttenberger: „Man kann Auschwitz mit nichts vergleichen. Es ist immer noch unbegreiflich, wie es möglich war, an einem einzigen Ort so viele Menschen auf bestialische Weise umzubringen. Über 30 Angehörige habe ich in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern verloren, darunter meine Eltern und meine vier Geschwister. Ich allein habe überlebt. ….. Es ist mein größter Wunsch, dass die heutige und künftige Generation aus unseren schrecklichen Erfahrungen lernt, und dass Auschwitz nie wieder Wirklichkeit werden kann.“
Wie sorgen wir dafür, dass Auschwitz nie wieder Wirklichkeit werden kann?
Wie können wir aus der Vergangenheit lernen, menschlich und mutig handeln in der Gegenwart im Blick auf eine menschenwürdige und -werte Zukunft für alle Menschen.
Noah Flug, der 1925 in Lodz/Polen geborene Auschwitz-Überlebende, der 2011 in Jerusalem starb, sagte 2010 als damaliger Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees:
“Die Erinnerung ist wie das Wasser: Sie ist lebensnotwendig und sie sucht sich ihre eigenen Wege in neue Räume und zu anderen Menschen. Sie ist immer konkret: Sie hat Gesichter vor Augen, und Orte, Gerüche und Geräusche. Sie hat kein Verfallsdatum und sie ist nicht per Beschluss für bearbeitet oder für beendet zu erklären.
Auch deshalb wollen wir als Opfer und sollen wir als Opfer nicht vergessen werden. Auch die heutige und die zukünftige Welt müssen wissen, wie das Unrecht, die Sklaverei der Zwangsarbeit und der Massenmord organisiert wurden und wer die Verantwortlichen dafür waren. Dies soll immer wieder dokumentiert und den jungen Menschen erklärt werden: Zur Erinnerung an uns und unsere ermordeten Angehörigen und zu ihrem Schutz in ihrer Zukunft. Diese Erinnerung an unser Leid und an die Verbrechen der Nationalsozialisten soll deshalb auch zukünftig [..]ein zentraler Aspekt der großen Menschenrechtsdebatte, die weltweit geführt wird.”
Der Nationalsozialismus benutzte die Juden – wie schon andere Herrschaftssysteme dies getan hatten – als Feindbild, um von den wirklichen gesellschaftlichen Problemen, die sein barbarisches System der gnadenlosen Eroberung der Welt verursachte, abzulenken. Damit wurde ein ganzes Volk mit einem Feindbild zu belegt, dass es als bedrohlich überhöht und ein Zerrbild zeichnet, das den Nazis den Holocaust ermöglichte und dass bis heute in Verschwörungstheorien weiterlebt.

Wie konnte das geschehen? Wie konntet Ihr das zulassen?

Diese Frage, die ich in meiner Herkunftsfamilie nie beantwortet bekam, die ich mir immer wieder neu stelle und die es immer wieder zu diskutieren gilt.

Kein sinnreiches Zitat erinnert uns an all die Menschen, die ermordet wurden, weil sie den Kriegsplänen der Nationalsozialisten im Wege standen, an die Menschen, die das NS-System mit erniedrigenden Zerrbildern belegte, systematisch in erniedrigende Schubladen wie „Asoziale“ „Arbeitsscheue“ presste und sie zur Hunderttausenden in den Lagern ermordete.

Lernen für die Zukunft bedeutet auch zu verstehen, dass zwischen 1933 und 1945 diejenigen Menschen, die nicht bereit oder nicht in der Lage waren, das unmenschliche NS-System und seine Kriegspläne zu unterstützen, systematisch erfasst und ermordet wurden.

In Stuttgart wurden in den letzten 20 Jahre ca. 900 Stolpersteine verlegt. Diese gespendeten Kleindenkmalen ermöglichen im öffentlichen Raum mehr von der Geschichte des eigenen Wohnorts zu erfahren. Sie geben den Menschen, die zwischen 1933 und 1945 aus dem Stadtteil deportiert und ermordet wurden, durch Erforschung ihres Namens, ihrer Geschichte und durch die Verlegung Ihren Namen und vielleicht dadurch einen Teil ihrer Würde wieder. Mit der Erinnerung als Mahnung für die Zukunft, den Forschungen, Verlegungen und Führungen tragen die Stolperstein-Initiativen zur politischen Bildung – vor allem auch junger – Menschen bei.

Stuttgarter Stolpersteine und Aufschriften an dieser Gedenkwand hier erinnern auch an die Stuttgarter ermordeten Sinti und Roma.

Für die Zukunft gelernt haben wir aber erst, wenn keine Sintizza, kein Sinto, kein Rom seine Volkszugehörigkeit mehr verschweigen muss aus Angst vor Diskriminierung, wenn Angehörige dieser Minderheit wirkliche Bildungschancen haben.

Um für die Zukunft zu lernen, ist die Erinnerung an die mehr als 200 000 Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen, geistigen oder seelischen Erkrankung ermordet wurden, unabdingbar und die Frage darf und soll gestellt werden: Warum gibt es immer weniger Menschen mit Trisomie21, dem sogenannten Down-Syndrom? Hinter den chic klingenden Begriffen „Designerbaby“ und „Genschere“ verbergen sich die Vorstellungen eines „Menschen nach Maß“ und keinesfalls einer Wertschätzung der Vielfalt des Lebens.

Um für die Zukunft zu lernen ist es wichtig, dass wir von denen wissen, die aus politischen oder religiösen Motiven aktiven oder passiven Widerstand gegen das Regime leisteten, von den Kommunisten, den Sozialdemokraten und anderen politische Gegner des NS-Systems.

Gelernt haben wir dann, wenn Gedenksteine wie der für Lilo Hermann im Stuttgarter Unipark nicht geschändet, sondern als die Erinnerung als Mahnung für die Zukunft gepflegt werden.

Um für die Zukunft zu lernen ist es wichtig, dass Jugendliche erfahren von den nicht angepassten und Widerstand leistenden Jugendliche wie den teilweise aus den Naturfreunden oder dem Rotfrontkämpferbund hervorgegangenen „Edelweißpiraten“, die u.a. Juden verstecken und versorgten, von der mutig-frechen Abgrenzung der Swingjugend.

Wie provokativ darf also Jugend heute sein wäre ein guter Maßstab. Darf ein 16jähriges Mädchen den Mächtigen der Welt sagen, dass die Zeit der Höflichkeiten vorbei ist mit den Worten: „Ich will, dass ihr handelt, als wenn euer Haus brennt, denn das tut es. Erwachsene sagen immer wieder: Wir sind es den jungen Leuten schuldig, ihnen Hoffnung zu geben. Aber ich will eure Hoffnung nicht. „Ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre. Es hat den Anschein, dass Geld und Wachstum unsere einzige Sinnerfüllung sind.“

Um für die Zukunft zu lernen ist es wichtig, dass wir erinnern an die rund 30 000 ermordeten Kriegsverweigerer, die sogenannten Deserteure, dessen 2007 von 300 privaten Senderinnen und Spendern ermöglichtes und vom Aulendorfer Künstler Nikolaus Kernbach geschaffenes Denkmal in Stuttgart bis heute noch nicht vom Pragsattel in die Innenstadt gebracht werden konnte.

In Stuttgart wurden bisher auch zwei Stolpersteine für ermordete Homosexuelle verlegt.

Um für die Zukunft zu lernen, ist es wichtig, dass wir die nachhaltig diskriminierende Erziehung, die bis heute wirkt und Menschen ein schweres Leben in Scham und teilweise Angst zumutet, hinterfragen und dafür sorgen, dass sich niemand mehr schämen muss für sein Geschlecht, seine sexuelle Orientierung. Ein wichtiger Maßstab zur Akzeptanz der Vielfalt wird nicht zuletzt die historische Aufarbeitung des Unrechts sein gegenüber den Menschen, die wegen ihres Geschlechts und/oder wegen ihrer Liebe und Sexualität in der Zeit des Nationalsozialismus ausgegrenzt, unterdrückt und entwürdigt wurden.

Um für die Zukunft zu lernen ist es wichtig, dass unzählige Menschen zwangssterilisiert und damit unwiederbringlich ihrer Zukunftsperspektive und der ihrer Familie beraubt wurden. Das grausame Wort „Vernichtung“ bleibt so bei Überlebenden eine täglich grausamer werdende Wirklichkeit.

Um für die Zukunft zu lernen ist es wichtig, dass wir uns erinnern an die Menschen, deren Glauben die Nazis zum Anlass nahmen, sie zu ermorden, weil sie fürchteten, dass diese ihren Kriegsplänen im Wege stünden, an die ermordeten Katholiken und die Zeugen Jehovas, die man abwertend „Bibelforscher“ nannte und ermordete, weil sie den Kriegsdienst und den Hitlergruß verweigerten.

Die Frage ob der Islam zu Deutschland gehöre ist nur ein Ausdruck der Frage wie es um unsere Offenheit gegenüber Religionen steht.

Um für die Zukunft zu lernen ist es wichtig, dass wir uns erinnern an die ermordeten Kriegsgefangenen, die Zwangsarbeiter und die Deportierten aus den von NS-Truppen eroberten Gebieten, zu denen nicht zuletzt die 143 unbekannten sowjetischen und die 257 namentlich bekannten französischen Kriegsgefangenen aus dem Gaisburger Lager gehören, die in der Nacht zum 15. April 1943 bei einem Luftangriff starben.

Wenn mir ein langjähriger Naturfreund vor drei Tagen sagte: „Unser Ziel, eine Welt ohne Kriege zu schaffen, müssen wir aufgeben“ stellt sich die Frage für die Jugend: Wie gelingt es uns, doch nicht aufzugeben.

Esther Bejerano, die im Mädchenorchester von Auschwitz Akkordeon gespielt hatte und auch heute mit über 94 Jahren noch auftritt, wendet sich aktiv gegen Krieg und Nazismus:

„Ich wusste zunächst nicht, wie meine Eltern umgekommen sind; ich habe es erst später erfahren. Ich fand ihre Namen in einem Buch, in dem die Transporte von Breslau nach Kowno aufgelistet waren. Die Nazis haben ja ihre Verbrechen bürokratisch festgehalten. Und wenn ich mir vor Augen führe, dass meine Eltern sich in einem Wald nackt ausziehen mussten, man sie mit anderen Opfern in einer Reihe aufgestellt, dann einfach abgeknallt hat und sie dann in einen Graben gefallen sind – das ist für mich das Schlimmste und viel grauenhafter als all das, was ich in Auschwitz erlebt habe.“

Ihre Devise `Nie wieder Schweigen´ umsetzend stellte sie sich erst jüngst den Rappern Farid Bang und Kollegah entgegen.

Das Schlusswort überlassen möchte ich einer Frau, deren Namen Sie ebenfalls auf dieser Wand finden und die nach Auschwitz unermüdlich mahnt, nicht vom IHR, sondern vom WIR zu reden:

Inge Auerbacher (*31.12.1934), geboren in Kippenheim, aufgewachsen in Jebenhausen und Göingen, Überlebende des Holocaust, wurde im August 1942 als Siebenjährige von hier – Stuttgart – nach Theresienstadt deportiert wurde. Inge Auerbacher rief am 27.12.2018 bei einer Ansprache in der Bruderhausdiakonie Reutlingen die Menschen auf, entschieden NEIN zu Rassismus und Antisemitismus zu sagen und sie schloss ihre – auch nach 70 Jahren in New York – in wunderbarem Schwäbisch gehaltene Rede in Englisch:

„My hope, my wish and prayer is for every child to grow up in peace without hunger and predjudice.“

Meine Hoffnung, mein Wunsch und Gebet ist es, dass jedes Kind in Frieden ohne Hunger und Vorurteil aufwachsen kann.“

Redebeitrag zur Bedeutung des antifaschistischen Kampfes

Wir als OrganisatorInnen wollen heute statt heroischer antifaschistischer Parolen, was der Kampf gegen Faschisten, Nazis, AntisemitInnen oder ähnliches bedeutet einige Gedanken, die wir uns im Rahmen der Vorbereitung dieser Veranstaltung gemacht haben, vortragen. Sie sind mit Sicherheit nicht „die Wahrheit“ oder „das Richtige“ und erheben auch nicht den Anspruch darauf. Sie sollen vielmehr den ein oder anderen Denkanstoß liefern und anregen sich mit dem heutigen Tag und seiner Symbolkraft auseinanderzusetzen. Sie sollen einladen, unterstützen und sie sind Teil der Verarbeitung des Themas für diejenigen, die sie verfasst haben:

Am 27. Januar 1945 beendete die rote Armee militärisch das nationalsozialistische Projekt Auschwitz. Das noch immer wirkende Symbol des offen zu Tage tretenden Zivilisationsbruch. Symbol für irrationalen Antisemitismus und antiaufklärerischen Vorstellungen von Solidarität und Gesellschaft. Symbol für eine Gesellschaft, die millionenfachen Mord rechtfertigte und akzeptierte. Symbol für eine Vorstellung von Gesellschaft, in der nicht die Freiheit des Menschen im Vordergrund steht, sondern willkürlich gesellschaftlich konstruierte Gruppierungen in einen Herrenstatus erhoben und andere zu lebensunwürdig erklärt werden. Eine Gesellschaft in dem es Herrscher und Beherrschte gibt.

Auschwitz ist eben nicht „nur“ ein Symbol für industriellen Massenmord, sondern auch Symbol, für das wozu der Mensch eigentlich nicht fähig sein sollte. Es zeigt welche antihumanistische Akzeptanz erreicht werden kann, wenn Gesellschaft sich auf zwei grundlegende Faktoren einlässt. Nämlich auf eine Ideologie der Ungleichheit und auf den unbedingten Willen der ökonomischen Verwertung der Menschen. Aus dieser Symbiose kann sich kein freier denkender Mensch entwickeln, der richtige Solidarität – nämlich Verkehrsformen herausbildet, die sich aus den Unterdrückungen und Knechtungen der Herrschenden lösen. Diese Symbiose ist Ursache und Basis warum Auschwitz zu dem werden konnte, was es war, was es ist und was es bleiben wird. Die Wahrwerdung der Entfremdung des Menschen vom Menschwerden, ja gar der Bruch mit dem Menschsein an sich.

Wir stehen heute hier an einem Mahnmal für Opfer des mörderischen nationalsozialistischen Systems. Wir versuchen zu begreifen, was nicht zu begreifen sein sollte. Wir sind betroffen, wir sind schuldig, wir sind verunsichert. Gedanken kreisen über richtig und falsch, über die eigene Rolle und den Umgang damit. Meist bleibt am Ende nur große Verwirrung und Unsicherheit übrig und ein scheues Nie wieder – Nie wieder Auschwitz, nie wieder Faschismus steht am Ende des Gedankengangs. Doch damit fängt genau das an was wir als Kämpfen bezeichnen.

Denn was heißt eigentlich dieses Nie wieder?

Der italienische Intellektuelle und Überlebende von Auschwitz Primo Levi fasste dies in seinem Zitat „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: darin liegt der Kern was wir zu sagen haben“, zusammen. Was für uns nichts anderes bedeutet, dass der Mensch zu solchen Taten fähig ist, wenn die Verhältnisse es ermöglichen. Im Umkehrschluss liegt für uns, unser Nie wieder darin, die Verhältnisse zu erkämpfen, die Ausschwitz unmöglich machen und das fängt bei uns selbst an.
Dafür steht der Titel der heutigen Gedenkveranstaltung. Er deutet an was dieses „Nie wieder“ eigentlich heißen müsste. Nämlich einen gesellschaftlichen Prozess zu entwickeln – ein Prozess von Lernen – ein Prozess von Denken – Prozess des Menschwerdens. Es ist das Erinnern an das was war, auf das es nicht vergessen werden kann. Es ist das Gedenken, sich mit dem Geschehen auseinanderzusetzen und es für sich und anderen zu reflektieren. Es ist der Kampf gegen sich selbst und gegen die Verhältnisse, die mich zu dem werden lassen, was ich nie sein wollte und nicht werden will. Es ist der Kampf um die Entwicklung meiner selbst zu einem freien Menschen. Es ist der Kampf um eine Gesellschaft, der frei miteinander assoziierenden Individuen. Es ist der Kampf für eine Gesellschaft jenseits der Ausbeutung vom Menschen durch den Menschen.
Es ist der Kampf um eine solidarische Gesellschaft.

Darum laden wir euch ein, am heutigen Tag eine der Rosen, die auf dem Infotisch liegen mit auf den Heimweg zu nehmen und dort nieder zu legen, wo ihr der Meinung seid, dass es ein Zeichen der Erinnerung, der Mahnung, des Gedenkens braucht, um ins Gedächtnis zu rufen, dass der Kampf gegen Auschwitz auch ein Kampf um eine solidarische Gesellschaft ist.