Kundgebung und Demonstration zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen

vom Frauenkollektiv Stuttgart

Heute fand anlässlich des 25. November, dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, eine Kundgebung und Demonstration in der Stuttgarter Innenstadt statt.

Seit 1981 wird der 25. November in verschiedenen Ländern weltweit genutzt, um auf die Unterdrückung der Frau aufmerksam zu machen. Dieser Gedenktag geht zurück auf die Ermordung der drei Schwestern Mirabal, die am 25. November 1960 in der Dominikanischen Republik vom militärischen Geheimdienst nach monatelanger Folter getötet wurden. Der Mut der Mirabal-Schwestern bei ihrem Kampf gegen die Militärdiktatur gilt inzwischen als Symbol für Frauen weltweit, die nötige Kraft gegen Unterdrückung und Gewalt zu entwickeln.

Leider ist auch heutzutage die Thematik aktueller denn je. Heute wurde eine neue Statistik zu partnerschaftlichen Gewalt 2018 in Deutschland veröffentlicht:
Insgesamt 114.393 registrierte Fälle von Gewalt gegen Frauen in der Partnerschaft (81,3%)
Anteil der deutschen Opfer liegt mit 99.304 Personen bei 70,6%
Anteil der deutschen Täter/Tatverdächtigen liegt bei 67%
Mit 70.879 Personen lebte die Hälfte (50,4%) der Opfer im gemeinsamen Haushalt mit der tatverdächtigen Person
zwischen 2014 und 2018 insgesamt um 11,5% angestiegene Anzahl erfasster Opfer

Die Aktion wurde vom Frauenbündnis Stuttgart organisiert. Das Frauenbündnis Stuttgart ist ein Zusammenschluss aus verschiedenen feministischen und fortschrittlichen Gruppierungen, die gemeinsam für die Befreiung der Frau streiten.
Dem Aufruf zu den politischen Aktionen folgten um die 250 Menschen. Es gab diverse Infostände, an denen sich die Passantinnen zum Thema informierten und mit den Veranstalterinnen in Diskussion kamen. Etwa um 17:30 Uhr begann die Kundgebung mit verschiedenen Redebeiträgen und musikalischer Umrahmung durch mehrere Musik- und Gesangsgruppen.

Im Anschluss gab es eine laute, entschlossene und vielfältige Demonstration durch die Stuttgarter Innenstadt. Sie querte die gut gefüllte Königstraße und endete am Pusteblumenbrunnen. Es konnten viele Passantinnen durch Parolen und Durchsagen während der Demonstration erreicht und somit auf die Thematik Gewalt gegen Frauen aufmerksam gemacht werden.


Im Folgenden dokumentieren wir unseren Redebeitrag zum Thema Gewalt gegen Frauen und wie die permanent drohende Gewalt Verhaltensweisen von Frauen beeinflussen und sie tagtäglich einschränken:

Welches Mädchen und welche Frau* kennt sie nicht, diese gutgemeinten Ratschläge und die vielen anderen Benimmregeln?

„Stelle dich nachts an der Haltestelle in die Nähe von anderen Frauen*.“
oder
„Schicke Nachrichten an deine Freund*innen, wenn du sicher zu Hause angekommen bist.“
Seit unserer Kindheit sind sie Teil unserer Erziehung, von den Eltern, in der Schule und den Medien werden sie an uns herangetragen und beständig wiederholt. Wir alle haben diese Schutzmaßnahmen verinnerlicht und wenden sie, bewusst oder unbewusst, an. Handlungen, die der eigenen Sicherheit und Absicherung gelten, hat jede Frau in ihren Alltag integriert:

„Habe ich genügend Geld dabei, um mir ein Taxi rufen zu können?“
„Mit wem gehe ich feiern und wie komme ich nach Hause?“

Das Leben der Frauen ist bestimmt von Überlegungen dieser Art, die Aufgabe ist, auf alles vorbereitet zu sein um etwas Schlimmes zu verhindern. Die unterschwellige Botschaft, die hinter allen Tipps und Gedankengängen lauert ist: Frauen* müssen immer verteidigungsbereit sein und wissen, wie sie sich gegen aufdringliche Männer zu schützen haben. Alleine das „Frausein“ reicht aus, um Übergriffe zu rechtfertigen, es liegt bei den Opfern, sich dagegen zur Wehr zu setzen.
Für den öffentlichen Raum gibt es viele solcher Verhaltensregeln, denn im gesellschaftlichen Bewusstsein besteht hier die größte Gefahr für Frauen. Jedoch über Gewalt innerhalb der eigenen vier Wände wird kaum gesprochen, Statistiken aber zeigen: Der Großteil der Übergriffe auf Frauen findet zu Hause statt. Häusliche Gewalt zieht sich entgegen sämtlicher Vorurteile durch alle Gesellschaftsschichten und Kulturkreise. Gewalt gegen Frauen ist so alltäglich, dass sie nicht nur nicht bekämpft wird, sondern viel schlimmer, meist nicht einmal Beachtung findet. Den Weg in die Berichterstattung der Medien schaffen nur die ungeheuerlichsten Angriffe, die die Menschen wenigstens kurz schockieren.

Doch warum ist das so?
Eltern wollen durch diese Tipps ihre Kinder schützen und doch zeigt sich dadurch bei näherer Betrachtung ein erschreckendes Bild unserer Gesellschaft. Auch im vermeintlich so emanzipierten Deutschland sind Frauen tagtäglich mit physischer oder psychischer Gewalt konfrontiert. Die Täter stammen häufig aus der eigenen Familie, dem Freundes- oder Kollegenkreis. Das Problem ist aber nicht, dass von vermeintlichen Einzeltätern, die „sich nicht beherrschen können“, Gewalt ausgeht. Gewalt gegen Frauen ist strukturell – durch tatsächliche Angriffe, sexuelle Übergriffe oder bloße Androhung von Gewalt werden Frauen unterworfen und klein gehalten. Die Täter sind geschützt durch das kollektive Wegsehen der Gesellschaft und ihre Machtposition im Beruf oder der Familie. Das Patriarchat, in dem wir leben, basiert auf diesem System der Macht und Abhängigkeit und den festgeschriebenen Rollenbildern der Geschlechter. Die Herrschaft der Männer, die damit verbundene untergeordnete Rolle der Frau und die permanente gewaltvolle Unterdrückung sind so gegenwärtig, dass sie meist als naturgegeben hingenommen werden.

Doch um die Befreiung der Frau zu erreichen, ist es nötig, das Patriarchat zu bekämpfen und die damit einhergehenden Rollenklischees aufzubrechen. Gelingen kann der Wandel hin zu einer gleichberechtigten Gesellschaft nur, wenn Frauen gemeinsam kämpfen, egal ob im eigenen Stadtteil, landesweit oder international. Trefft und organisiert euch mit anderen Frauen, denn gemeinsam sind wir stark. Unsere Forderung nach einem Leben ohne Gewalt und Unterdrückung tragen wir auf die Straße. Solidarisch mit der feministischen Bewegung weltweit, demonstrieren wir gegen Diskriminierung, Sexismus und für ein emanzipiertes Leben.

Frauen, die kämpfen, sind Frauen, die leben!