Kurzbericht - Der Revolutionäre 1. Mai in Stuttgart

Kurzbericht – Der Revolutionäre 1. Mai in Stuttgart

Sogar die Sonne zeigte sich dieses Jahr auf der Revolutionären 1. Mai Demo in Stuttgart. Ca. 800 Menschen beteiligten sich an der von einem Bündnis organisierten Demonstration. Wie in jedem Jahr beanstandete die Polizei die Verbindung der Seitentransparente, aber nachdem die Schnürungen kurzfristig gelöst wurden, konnte der Demozug sich ohne große Probleme in Bewegung setzen.  Auf der Route wurden Bengalos gezündet und die DEHOGA symbolisch mit Pyrotechnik und Farbbeuteln angegriffen. Des Weiteren wurde ein Faschist durch Handzettel in seinem Wohnviertel geoutet.

In den Redebeiträgen wurde ein breites Themenspektrum angesprochen: Die FAU kritisierte die Leiharbeit, die Rote Hilfe betonte in ihrer Rede die Notwendigkeit der Solidarität. Auf dem Weg zur Zwischenkundgebung thematisierte die Initiative Klassenkampf Stuttgart die Notwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisation. Beim Halt auf dem Rotebühlplatz wurde die Rede von Zusammen Kämpfen Stuttgart verlesen. Des Weiteren gab es Beiträge vom Libertären Bündnis Ludwigsburg, das eine Rede über den 4-Stunden-Tag hielt, die Antifaschistische Aktion Aufbau ging auf die Notwendigkeit des Antifaschismus ein und am Marienplatz thematisierte der AK Internationalismus die aktuelle Lage in Rojava. Nach der Beendigung der offiziellen Demonstration forderte die Revolutionäre Aktion Stuttgart in  ihrer Rede die Organisierung im Kampf für den Kommunismus.

Unsere Rede orientierte sich am diesjährigen Stadtteil-Aufruf, der von mehreren Gruppen unterzeichnet wurde, die im Stuttgarter Osten organisiert sind. Die Unterstützer waren: Arbeitskreis Solidarität, Die LINKE Stuttgart Ost, Frauenkollektiv Stuttgart, Freie ArbeiterInnen Union Stuttgart, Initiative Rechtspopulismus Stoppen, Kurdische Jugend Stuttgart, Linksjugend [‘solid] Stuttgart und Ostend Obenbleiber. Thematisiert wurde die Parole Solidarität statt Spaltung. Dargelegt wurde die momentane Situation in der BRD: die Angst vor der Zukunft steigt in der Bevölkerung, die Menschen sind verunsichert. Grund dafür ist das krankende System des Kapitalismus, das die Bevölkerung spaltet und die Menschen gegeneinander ausspielt. Unsere entschlossene Antwort auf das kranke System, in dem wir leben und das Kriege, Flüchtlingsbewegungen und den Rechtsruck bedingt, kann nur Solidarität sein. (Die gesamte Rede sowie den Aufruf findet ihr untenstehend)

Weitere Aktivitäten am 1. Mai

Nach der Demo ging es weiter zu den Festen: Einerseits in Stuttgart-Heslach, wo im Linken Zentrum Lilo Herrmann ein Straßenfest stattfand und andererseits in Stuttgart-Ost im Stadtteilzentrum Gasparitsch.

Im Gasparitsch gab es ein buntes Programm: Kinderschminken und Bastelangebote, ein vielfältiges Fingerfoodbuffet, Kaffee & Kuchen, ein Quiz, leckeres warmes Essen und Gegrilltes, sowie am Abend den Auftritt des Liedermachers Felix Schurr.

Politprogramm am 1. Mai

Während des Nachmittags fand dann passend zum 1. Mai ein Politprogramm statt: Zunächst wurde die Celox-Kampagne der Roten Hilfe International durch den Arbeitskreis Rojava vorgestellt. Danach folgte ein Vortrag der FAU zum Thema „Widerstand auf der Arbeit-Jenseits von Streik“ und den Abschluss bildete der Vortrag von Zusammen Kämpfen, der sich mit der Beteiligung der Bozkurt auf der Langen Ost-Nacht und dem Widerstand dagegen beschäftigte.

1. Mai – Straße frei

Als letzten Programmpunkt gab es dann den traditionellen Stadtteilspaziergang in Stuttgart Ost, der in diesem Jahr unter dem Motto „Erinnern-Gedenken-Kämpfen: Revolutionäre Geschichte aneignen“ stattfand. Beim Schlendern durch den Osten Stuttgarts wurden verschiedenen Stationen angelaufen, die in Verbindung mit revolutionären Kämpfen stehen. 50 Menschen folgten interessiert den Ausführungen, die begonnen bei der Novemberrevolution 1918/19, über die Herrschaft der Faschisten und die Studentenaufstände der 68-er, die Geschichte der linken Bewegung bis ins Heute führte und die Wichtigkeit des Kampfes gegen das System und reaktionäre Kräfte betonte.

An den einzelnen Stationen wurden Ausdrucke hinterlassen, die die erzählten Episoden und Begebenheiten der Geschichte für die Bewohner des Stuttgarter Ostens präsent halten sollen.

Im Anschluss an den Stadtteilspaziergang haben wir eine kurze unangemeldete Demonstration durchgeführt und uns damit symbolisch am 1. Mai das genommen, was uns sowieso gehört: die Straße!

Zusammen Kämpfen [Stuttgart]
www.zk-stuttgart.tk

 

Weiterer Bericht zum Revolutionären 1. Mai in Stuttgart
www.erstermai-stuttgart.tk

Stadtteilaufruf zum 1. Mai von Zusammen Kämpfen mit einigen UnterstützerInnen
Transparentaktionen im Vorfeld

Weitere Infos unter:
www.erstermai-stuttgart.tk

Rede von Zusammen Kämpfen

Liebe Passantinnen und Passanten,
Liebe Freundinnen und Freunde,

wir sind heute hier, um am ersten Mai, dem internationalen Kampftag der ArbeiterInnenklasse, gemeinsam mit Hunderttausenden Menschen auf der ganzen Welt, unseren Protest gegen das kapitalistische System und unsere Perspektive einer klassenlosen Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung auf die Straße zu tragen!

Dieser Widerstand und die Perspektive einer anderen Gesellschaft ist dringlicher denn je. Denn die kapitalistischen Verhältnisse produzieren Armut, Krieg, Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung – wortwörtlich am laufenden Band.

Durch den kapitalistischen Zwang Kapital zu verwerten und Profite zu maximieren finden dauerhaft Veränderungen der Produktionsverhältnisse statt und dadurch auch eine verstärkte Zersplitterung unserer Klasse.

Während früher ArbeiterInnen in wenigen Fabriken gebündelt waren wird die Produktion zunehmend ausgelagert und die ArbeiterInnen breit verteilt. Der Dienstleistungssektor wird immer weiter ausgebaut, der Niedriglohnsektor wächst und mit ihm die Leiharbeit, Werkverträge und Zeitarbeit. Auch die kommende Automatisierung wird die Arbeitswelt noch deutlich durcheinanderwirbeln.

Neben den offensichtlichen ökonomischen Vorteile für die Herrschenden wird darüber hinaus eine Spaltung von uns und unseren Interessen erreicht: Der Leiharbeiter wird gegen den Stammarbeiter ausgespielt, genauso wie der Geflüchtete gegen den Wohnungs- oder Arbeitssuchenden ausgespielt wird. Diese Spaltungsmechanismen gehen aber weiter und werden auch von rechten Kräften ausgenutzt, die die verschärfte Ausbeutungssituation am Arbeitsplatz durch Geflüchtete erklären wollen. Dass dies durchaus erfolgreich ist zeigt sich daran, dass europaweit Rechtspopulisten mit ihren scheinbaren “Alternativen” immer mehr Zuspruch bekommen. Diese forcieren darüber ein nationalistisches “Wir zuerst”-Gefühl, das die Ursache nicht in den Verhältnissen selbst sieht, sondern in den Geflüchteten und MigrantInnen.

Die Propagierung des traditionellen Familien- und Geschlechterbildes zeigt in die selbe Richtung: Die Geschlechter sollen gegeneinander ausgespielt und damit der grundlegende Widerspruch zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten verschleiert werden.

Der Vorteil für die Herrschenden ist offensichtlich: Durch die forcierte Spaltung wird verhindert, dass wir uns unseren gemeinsamen Interessen nach einem Ende von Ausbeutung und Unterdrückung annehmen und diesen Ausdruck verleihen.

So weit – so schlecht.

Die Frage stellt sich also wie wir unter diesen Voraussetzungen unsere Perspektive einer befreiten Gesellschaft erfolgreich verbreiten und umsetzen können.

Alleine werden wir gegen diese Systematik und gegen die Verwertungslogik, die sich durch alle Lebensbereiche zieht, nichts ausrichten können. Wir müssen die Spaltung und die forcierte Vereinzelung also überwinden und solidarisch zusammenstehen. Denn nur gemeinsam mit unseren KollegInnen, den Mit-MieterInnen, unseren FreundInnen und allen anderen, die unter den Verhältnissen zu leiden haben, können wir die Kraft entwickeln, gegen das System zu kämpfen und für eine Gesellschaft zu streiten, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert und nicht am Profit von einigen Wenigen.

Für uns muss es daher heißen, uns den Verhältnissen auf allen Ebenen in den Weg zu stellen und uns dort zu organisieren, wo wir leben und arbeiten.

  • Sei es in basisgewerkschaftlichen Ansätzen gegen die alltägliche Lohnschinderei, prekäre Beschäftigung, Arbeitsplatzabbau oder im Kampf für höhere Löhne,
  • sei es in Frauenorganisierungen gegen Sexismus und die herrschenden patriarchalen Verhältnisse,
  • sei es in antifaschistischen Gruppen gegen rechte Hetze und den Rechtsruck,
  • sei es in Wohn- und Mieterinitiativen für bezahlbaren Wohnraum und gegen Luxussanierungen oder
  • sei es in unabhängigen Stadtteilzentren, um Solidarität und Kollektivität aufzubauen und erlebbar zu machen.

Das Ziel all dieser Kämpfe ist es durch eine kontinuierliche Präsenz und Praxis eine tatsächliche Alternative zu den herrschenden, unterdrückerischen Verhältnissen aufzubauen und praktisch werden zu lassen:

  • Eine Alternative, die der omnipräsenten Konkurrenz und Spaltung unsere Solidarität entgegenstellt.
  • Eine Alternative, die statt Ausbeutung und Unterdrückung für den Profit die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt setzt.
  • Eine Alternative, die statt rechter Hetze und Rassismus ein solidarisches Miteinander erkämpft.
  • Kurz: Eine Alternative, die für eine befreite Gesellschaft steht.

Halten wir es also wie Clara Zetkin: Kämpfen wir dort wo das Leben ist – Um letztlich die herrschenden Verhältnisse dort hinzuverfrachten wo sie hingehören: Auf den Müllhaufen der Geschichte.

Für die Umwälzung der Verhältnisse!
Hoch die internationale Solidarität!

Stadtteilspaziergang – Erinnern.Gedenken.Kämpfen

Station 1: Die Novemberrevolution

Die Novemberrevolution von 1918/19 wird in der deutschen Geschichtsschreibung meist vernachlässigt, aber es kann festgestellt werden, dass sie sich einreiht in eine europaweite revolutionäre Epoche zwischen 1917 und 1921. Die ArbeiterInnen und Soldaten solidarisierten sich und gingen gemeinsam auf die Straße um gegen Krieg und für ein besseres Leben zu kämpfen.
Der seit 1914 andauernde 1. Weltkrieg hatte eine Schneise der Verwüstung durch ganz Europa geschlagen. Die Oberste Heeresleitung, die zu diesem Zeitpunkt das Deutsche Kaiserreich quasi als Militärdiktatur führte, verfolgte imperialistische Kriegsziele um Kolonien zu erobern und die Gebietsansprüche des Kaiserreichs zu verwirklichen. Um diese Ziele zu erreichen wurde das zivile Leben ganz den Bedürfnissen der Kriegsführung und –wirtschaft unterworfen. Für die Arbeiterschaft bedeutete dies, neben allen anderen Kriegsschrecken, unter anderem einen Zwölf-Stunden-Tag bei minimalem Lohn und mangelhafter Versorgung. Als Ende Oktober die Niederlage des Kaiserreichs bereits feststand, gab die Seekriegsleitung einen Flottenbefehl aus, der eine letzte Schlacht gegen die britische Royal Navy vorsah. Gegen diesen Befehl meuterten einige Schiffsbesatzungen, was zum Kieler Matrosenaufstand führte.
Abordnungen der revolutionären Matrosen schwärmten in alle größeren deutschen Städte aus und gründeten dort Arbeiter- und Soldatenräte. Die Räte wurden, entsprechend dem Vorbild der russischen Oktoberrevolution, in den Kasernen, Fabriken und Wohnvierteln gewählt und waren somit ihrer Basis direkt verantwortlich und an deren Weisungen gebunden. Bei der Übernahme der zivilen und militärischen Macht gab es kaum auf Widerstand; die Aufständischen erzwangen die Abdankung der Bundesfürsten sowie die Absetzung des deutschen Kaisers. Bereits am 7. November waren alle größeren Küstenstädte sowie Braunschweig, Frankfurt am Main, Hannover, Stuttgart und München in der Hand von Arbeiter- und Soldatenräten. Die zivilen Behörden und Amtsträger des Kaiserreichs – Polizei, Stadtverwaltungen, Gerichte – blieben unangetastet. Auch Beschlagnahmungen von Eigentum oder Betriebsbesetzungen fanden kaum statt, da man solche Maßnahmen von einer neuen Reichsregierung erwartete. Um eine der Revolution und der künftigen Regierung verpflichtete Exekutive zu schaffen, beanspruchten die Räte die Oberaufsicht über die Behörden.
Seit am 9. November die „freie sozialistische Republik Deutschland“ ausgerufen wurde, unternahmen die Machthaber der kriegsbefürwortenden SPD, Monarchisten, konservative und rechte Kräfte alles, um die rätedemokratischen Ideen des linken Flügels der Revolutionäre und um eine soziale Revolution nach russischem Vorbild zu verhindern. Sie schreckten nicht davor zurück bewaffnete Freikorps aufzustellen, die gegen die vermeintliche „bolschewistische“ Gefahr eingesetzt wurde. So wurde beim Versuch den Vollzugsrat zu verhaften, in einen Demonstrationszug von unbewaffneten „Roten Garden“ gefeuert und dabei 16 Menschen getötet.
Der entscheidende Schlag gegen die revolutionären Kräfte, die für eine bessere Welt ohne Unterdrückung, Ausbeutung und Krieg kämpften, erfolgte in den ersten Tagen des Jahres 1919. Wie im November entstand fast spontan eine zweite Revolutionswelle, die diesmal aber gewaltsam unterdrückt wurde. Die Demonstranten waren im Wesentlichen dieselben wie zwei Monate zuvor. Sie forderten jetzt die Einlösung dessen, was sie sich damals erhofft hatten. Die Forderungen kamen aus der Arbeiterschaft selbst und wurden von den verschiedenen Gruppen links von der SPD unterstützt. Die SPD-Führung gab den Truppen in Berlin den Befehl gegen die Besetzer, Demonstranten und Revolutionäre vorzugehen. Gebäude wurden geräumt und die Besetzer wurden standrechtlich erschossen.
Allen Widerständen zum Trotz veröffentlichte der Rat der Volksbeauftragten sein demokratisches und soziales Regierungsprogramm. Der Belagerungszustand und die Zensur wurden aufgehoben, die Gesindeordnung abgeschafft und das allgemeine Wahlrecht ab 20 Jahren eingeführt, erstmals auch für Frauen. Alle politisch Inhaftierten erhielten Amnestie, Bestimmungen zur Vereins-, Versammlungs- und Pressefreiheit wurden erlassen. Auf der Basis des Arbeitsgemeinschaftsabkommens wurde der 8-Stunden-Tag vorgeschrieben und Leistungen der Erwerbslosenfürsorge, der Sozial- und Unfallversicherung ausgeweitet. Das alles sind Ergebnisse der Revolution, von denen wir auch heute, 100 Jahre später, noch profitieren.

Novemberrevolution auch in Stuttgart

Zahlreiche zentrale Punkte der Hauptstadt waren in der Hand der Aufständischen, die dort symbolisch die rote Fahne gehisst hatten. SPD, USPD, Gewerkschaften, Arbeiterrat und Soldatenrat einigten sich darauf, in Württemberg die Republik auszurufen und eine vorläufige Regierung zu bilden. Der noch im Wilhelmspalais verbliebene König Wilhelm II. wurde von Abordnungen des Soldatenrats zur Abdankung gezwungen und erhielt sicheres Geleit zum Jagdschloss Bebenhausen bei Tübingen. Wenige Wochen später, am 30. November 1918, verzichtete er als letzter deutscher Monarch endgültig auf den Thron.

Abelsberg

3. April 1919: Während des Generalstreiks lagen zwischen Gaisburg und Wangen ca. 400 Spartakisten, die sich dort mit Maschinengewehren verschanzt haben. Die Regierung setzte Geschütze gegen die Aufständischen ein, ließ den „Hirsch“ in Untertürkheim („von 120 Bewaffneten gesäubert“), das besetzte Artillerie-Wagenhaus sowie das Waldheim Wangen stürmen. Dabei wurden mindestens 14 Aufständische getötet sowie 41 Personen verletzt.

Karl Fetzer

Der 17-jährige Kommunist Karl Fetzer wurde im revolutionären Januar 1919 umgebracht, fand aber, wie alle anderen Opfer des Militäreinsatzes in Stuttgart kaum Erwähnung in der Öffentlichkeit. An seinem Begräbnis auf dem Bergfriedhof beteiligten sich Spartakisten und die USPD, die Gesangsvereine Vorwärts und Aurora sowie Clara Zetkin und Emil Unfried.

Station 2: Antifaschistischer Widerstand im roten Osten

Im Stuttgarter Osten lebten viele GewerkschafterInnen und MitgliederInnen von Arbeiterparteien, welche dem Viertel den Namen des Roten Ostheims einbrachte. Vor der Machtergreifung der NSDAP konnten die Faschisten im roten Osten nur schwer Fuß fassen. Erst mit der Regierungsmacht gelang es HJ und SA im Stadtteil aufzumarschieren. Der Stuttgarter Osten war eine Hochburg des Rot Front Kämpferbundes – der antifaschistischen Selbstschutzorganisation der KPD. Aber es gab auch anarchistische Organisierungen wie die Schwarzen Rebellen. Auch das „Reichsbanner Schwarz Rot Gold“, die antifaschistische Organisierung der SPD war im Stuttgarter Osten präsent. Und so entwickelte sich auch Widerstand gegen den Faschismus aus dem Stadtteil, welcher in die Geschichte der Revolutionären Bewegung einging.

Das Stuttgarter Kabel Attentat

Am 15.02.1933 sollte eine Rede Adolf Hitlers, welche dieser in der einstigen Stadthalle nahe der SWR Gebäude hielt, im Rundfunk übertragen werden. Eine Gruppe aus der Stuttgarter KPD, namentlich Alfred Däuble, Hermann Medinger, Wilhelm Breuninger und Eduard Weinzierl schmiedete den Plan die Übertragung der Rede zu verhindern. Mit einem Axthieb gegen ein Übertragungskabel an der Werderstraße 20 wurde Hitler zum Ende seiner Rede das Wort abgeschnitten. Noch in der selben Nacht wurde ein Flugblatt aufgelegt, welches die Stuttgarter Bevölkerung über das „Kabelattentat“ informierte.
In Folge von „Wirtshausgerede“ wurden die Mitglieder der Gruppe in den Jahren 1935/36 verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt.
Um das Kabelattentat entstand die Legende, dass Hitler aufgrund seiner verhinderten Rede Stuttgart mied.

Die Gruppe G

Zu Beginn der faschistischen Herrschaft gründeten mehrere Jugendliche aus ArbeiterInnen Familien im Stuttgarter Osten unter der Führung von Fritz Brütsch die Gruppe G – wie Gemeinschaft. Was als Wandergruppe begann entwickelte sich bald unter dem Druck durch die Nationalsozialisten zu einer Württemberg weit vernetzten Widerstandsgruppe. Die zunehmende Unterdrückung der Jugendlichen durch die Hitler Jugend zwang die jungen ArbeiterInnen dazu sich zunehmend im Geheimen für ihre Interessen zu organisieren.
Bald darauf begannen die Jugendlichen erste Aktionen zu planen und durchzuführen. Darunter Flugblattverteilungen, mit dem Ziel die Stuttgarter Jugendlichen über die Verbrechen der Faschisten aufzuklären. Am 14. März 1935 schrieb der junge Hans Gasparitsch auf die Rossebändiger Statuen im unteren Schlossgarten die Worte Rotfront und Hitler = Krieg. Mit dieser Aktion sollten die vielen ArbeiterInnen, welche den Weg durch den Park zur Arbeit nahmen, ermutigt werden gegen die Diktatur Widerstand zu leisten. Auf seinem Heimweg geriet Hans in eine Polizei Kontrolle und wurde aufgrund von Farbrückständen auf seiner Jacke verhaftet.
Die Stuttgarter Gruppe flog auf. Doch durch ihr Schweigen, welches sogar unter Folter standhielt konnten sie andere Widerstandsgruppen aus der Region schützen. Nichts desto trotz wurden 20 Jugendliche verhaftet und zu Zuchthaus und Gefängnisstrafen verurteilt. Viele von ihnen wurden nach ihrer Strafe in Konzentrationslager verschleppt. So auch Hans Gasparitsch, der erst mit der Selbstbefreiung von Buchenwald befreit wurde und nach Stuttgart zurückkehren konnte und lange Zeit danach noch im Stuttgarter Osten lebte, arbeitete und politisch aktiv war.

Station 3: Der Rote Osten

Der Stuttgarter Osten war angelegt als Arbeitersiedlung und hat ihren Ursprung – nicht weit von hier – am heutigen Eduard Pfeiffer Platz, der mit Hilfe des „Vereins zum Wohle der arbeitenden Klasse“ am Ende des 19. Jahrhunderts den ArbeiterInnen ein Eigenheim geben wollte. Ziel war es zufriedene ArbeiterInnen in den Osten zu bringen und damit die notwendigen Arbeitskräfte für die sprießende Industrie im Osten selbst und in Stuttgart anzusiedeln und Arbeitskämpfe vorzubeugen. Schnell entstanden weitere Siedlungen nach einem ähnlichen Vorbild.
Nichts desto trotz entwickelten sich im Stuttgarter Osten schnell Arbeitervereine und die – damals noch nicht kriegsbefürwortende – SPD wurde schnell zur wichtigen Kraft im jetzt „Roten Osten“. Arbeitersportvereine und andere Organisierungen entstanden und wuchsen schnell. Für die Jugend, aber auch für die Erwachsenen stellten diese den Mittelpunkt ihrer politischen Organisierung dar.
Offiziell gründete sich 1890 im Stuttgarter Osten der „Sozialdemokratische Verein“ – nachdem das im Zuge der Sozialistengesetze verhängte Verbot der SPD aufgehoben worden war. 1913 zählte der Ostheimer Bezirksverein bereits an die 700 Mitglieder und hatte sich 1911 am Bau des Waldheims Gaisburg beteiligt, das es bis heute gibt.
Im August 1914 unterstützten bis auf wenige Ausnahmen die Abgeordneten der SPD den Krieg und brachen damit mit der ursprünglich sozialdemokratischen Tradition. Nur eine Handvoll von Abgeordneten stellten sich gegen den Krieg – darunter Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und die sich in Stuttgart niedergelassene Clara Zetkin.
Nach diesem Verrat an dem Kampf für Frieden und Gerechtigkeit spaltete sich die SPD. Zunächst in die USPD, später dann in die KPD, die fortan die Arbeiterbewegung Deutschlands und auch des Stuttgarter Osten weitgehend mit prägte.
Der Stuttgarter Osten war immer eine Hochburg der „Roten“ und so überrascht es auch nicht, dass bei den Gemeinderatswahlen 1919 die roten Parteien (USPD, MSPD) nur in einem Wahlbezirk mit 48% der Stimmen nicht die absolute Mehrheit erreichen konnten.
Der Ostendplatz oder besser: der Rote Platz
Der „Rote Platz“ wurde nun zum Sammelort und Ausgangspunkt politischer Demonstrationen und Aktionen. Ein wichtiger Treffpunkt des Widerstands im Osten war das Gasthaus „Volksgarten“ direkt am Ostendplatz. Der Volksgarten diente sowohl als sozialer, als auch als politischer Treffpunkt. So trafen dort sich viele Arbeiter und Arbeiterinnen, um zu diskutieren, aber oft wurde der Volksgarten selbst zum Schauplatz von Auseinandersetzungen. Ins Besondere an den 1. Mai Kundgebungen, wo sich die Menschen in den Stadtteilen trafen und dann gemeinsam in die Stadt zogen kam es in dieser Zeit oft auch im Osten zu Auseinandersetzungen.
Der Rote Platz diente auch als Sammelpunkt für die ArbeiterInnen am 1. Mai. Oft traf man sich hier und zog gemeinsam in die Stadt oder führte Kundgebungen durch. Unvergessen dabei der 1. Mai 1929, der in Berlin als „Blutmai“ in die Geschichte einging, als tausende von Demonstranten zum Ostendplatz zogen. Einige Quellen sprechen von 8000 Menschen.
Hier versammelten sich auch die Ostheimer Spartakisten, die im Januar 1919 in Stuttgart die Versprechungen der SPD nach der niedergeschlagenen Novemberrevolution durch einen Aufstand einforderten. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen und am 15. Januar kam dabei der 17-jährige Karl Fetzer ums Leben.
Kurz darauf am 2. April, während eines Generalstreiks erschoss eine Militärpatrouille in der Nähe des Luisenplatzes einen 19jährigen Soldaten. Als Reaktion sammelten sich in den Folgetagen die Menschenmengen auf dem Ostendplatz und die Behörden eröffneten das Feuer auf die Menschen und es kam wiederum zu mindestens einem toten Straßenbahnarbeiter.

Der Rote Osten gegen Faschismus

Die sogenannten Goldenen Zwanzigern – also die Anfangszeit der Weimarer Republik – waren nur für wenige Golden. Für die meisten bedeutete es ein zunehmendes Maß an Ausbeutung und spätestens mit dem Aufkommen der großen Weltwirtschaftskrise 1929 und der damit einhergehenden Inflation wurde das Ausmaß allen offenbar.

Damit einher ging ein Erstarken der Arbeiterbewegungen, aber leider nicht nur… der Faschismus kam auf und mit ihm die Horden der SA und SS. Schnell gründeten sich in Stuttgart seitens der Arbeiterbewegung Selbschutzorganisierungen, die gegen den aufkommenden Faschismus kämpfen wollten.
Der Stuttgarter Osten war eine Hochburg des Rot Front Kämpferbundes (der sich bereits 1924 bundesweit gründete) – eine Selbstschutzorganisation der KPD. Es gründeten sich auch anarchistische Organisierungen wie die Schwarzen Rebellen. Und auch der „Reichsbanner Schwarz Rot Gold“, die antifaschistische Organisierung der SPD, war im Stuttgarter Osten präsent.
Zunächst für sich alleine stehend, später dann im Versuch eine Einheitsfront gegen den Faschismus zu bilden.
Doch einerseits auf Grund der fehlenden Zusammenarbeit, aber andererseits dadurch, dass der Faschismus und seine Milizen durch das sie unterstützende Kapital deutlich mehr Mittel zur Verfügung hatten, konnten die antifaschistischen Organisierungen den Faschismus nicht verhindern. Nach der Machtübergabe an Hitler entfaltete der Faschismus seine Fänge und ging heftig gegen die Arbeiterschaft vor.
Nichts desto trotz ging der Widerstand weiter und es kam immer wieder zu antifaschistischen Aktionen. Zu erwähnen seien hier nur beispielhaft nur das Stuttgarter Kabelattentat, dass die 1. Rundfunkübertragung einer Hitler Rede zumindest zeitweise verhinderte und die Gruppe G – wie Gemeinschaft – rund um Hans Gasparitsch, die ein weit verzweigtes Widerstandsnetzwerk in ganz Württemberg aufgebaut hatten, und das ausgehend von Stuttgart Ost.
Viele politische GegnerInnen der Faschisten, und davon gab es in Stuttgart Ost viele, kamen zunächst in Zuchthäuser, Gefängnisse und später dann in Konzentrations- und Arbeitslager, die sie oftmals nicht überlebten.
Gerade in einem Viertel wie in Stuttgart Ost traf dies dann so gut wie jede Familie und jeden Haushalt. Die Arbeiterbewegung war weitestgehend zerschlagen und mit ihr die Kämpfe, die bis dahin geführt wurden.

Nach dem Faschismus

Die Arbeiterbewegung versuchte sich nach der Befreiung vom Faschismus wieder zu konsolidieren. Die KPD stellte ihren Parteiapparat wieder auf und konnte bald einige Zeitungen veröffentlichen, sowie eine gewisse Wirkung entfalten. Auch im Stuttgarter Osten entfaltete sich die alte Arbeitertradition erneut und viele schlossen sich wieder der KPD an, arbeitete in ihr etc.
1956 wurde sie im Rahmen des Kalten Krieges verboten: zehntausende Verfahren wurden angestrengt, viele verurteilt, Zeitungen und der gesamte Apparat verboten. Nicht nur die KPD, sondern auch andere Organisationen wurden mit Repression verfolgt. Dies bedeutete einen erheblichen Einschnitt für die Arbeiterbewegung. Durch die Illegalisierung wurden Mittel gestrichen, Öffentlichkeitsarbeit war verboten und zahlreiche Menschen verloren ihre Lebensgrundlage. Die KPD machte zwar in der Illegalität weiter, konnte aber nicht mehr die Kraft entwickeln, die sie schon mal hatte.

Die Zeiten des Aufbruchs

In den 60ern ging es gegen den Muff von tausend Jahren und der Protest war eng verbunden mit einem internationalen Aufbruch von linken Bewegungen: Weltweit gingen Menschen auf die Straße und in vielen Ländern erhben Guerillas und nationale Befreiungsarmeen die Waffen gegen Besatzer und Unterdrücker. Sei es in Kolumbien, die Befreiung Kubas 1959, die Kämpfe in Palästina, die Kulturrevolution in China, aber auch – oder vor allem – der Vietcong in Vietnam, der bereits erfolgreich die französische Armee vertrieben hatte und nun erfolgreich gegen die US-Armee kämpfte.
Eine weltweite Antikriegsbewegung und mit ihr eine Bewegung für eine befreite Gesellschaft entstand und damit eine Aufbruchsstimmung innerhalb der Linken.

Auch in Stuttgart entwickelte sich eine breite Bewegung mit großen Demonstrationen.
ArbeiterInnen, StudentInnen, Linke, kommunistische Gruppen und Parteien, alle versammelten sich, um Ihren Unmut Ausdruck zu verleihen. Auch der Rote Platz wurde wieder mehr genutzt und wurde wieder zum Ausgangspunkt zahlreicher Versammlungen und Demonstrationen. In den 70ern sammelten sich die DemonstrantInnen oft hier, um dann gemeinsam in die Stadt zu ziehen. Am 1. Mai 1972 ist dabei die Rede von knapp 3000 Menschen.
Mit diesem Aufbruch ging u.a. auch eine kulturelle Revolution einher: eine neue eigenständige Kultur wurde versucht Schritt für Schritt aufzubauen, die mit alten Traditionen brechen wollte. In dieser Zeit ist das Laboratorium entstanden, welches nach wie vor existiert.
In den 80ern spielten vor allem Hausbesetzungen eine große Rolle: Alleine zwischen 1980 und 1983 wurden in Stuttgart 25 Häuser besetzt. Im Stuttgarter Osten gab es die Neckarstraße, die 1989 als soziokulturelles Zentrum besetzt und auch für einige Zeit gehalten werden sollte.

Und heute?

So viel zum kurzen Abriss der Geschichte des Roten Ostens. Wo befinden wir uns heute?
Die Verhältnisse haben sich nicht zum besseren gewandelt, ganz im Gegenteil: Errungenschaften, die in zahlreichen Kämpfen erstritten worden sind werden Schritt für Schritt abgebaut und weiter eingeschränkt. Besonders deutlich wird dies an den neu verabschiedeten Polizeigesetzen in Bayern und bald in Baden Württemberg, die das Versammlungsrecht einerseits aushöhlen und andererseits die Befugnisse der Behörden massiv erweitern.
Doch nicht nur das: Heute sind wir mit einem Rechtsruck konfrontiert, der Teile der Arbeiterschafts auf seine Seite zieht und eine angebliche „Alternative“ darzustellen scheint, die sie zwar in keinster Weise ist – aber dennoch für viele attraktiv zu sein scheint.
Die Frage stellt sich also wie unter diesen Voraussetzungen eine Perspektive einer befreiten Gesellschaft ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Kriege umgesetzt werden kann.
Alleine werden wir gegen diese Systematik und gegen die Verwertungslogik, die sich durch alle Lebensbereiche zieht, nichts ausrichten können. Wir müssen die Spaltung und die forcierte Vereinzelung also überwinden und solidarisch zusammenstehen. Denn nur gemeinsam mit unseren KollegInnen, den Mit-MieterInnen, unseren FreundInnen und allen anderen, die unter den Verhältnissen zu leiden haben, können wir die Kraft entwickeln, gegen das System zu kämpfen und für eine Gesellschaft zu streiten, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert und nicht am Profit von einigen Wenigen.

Für uns muss es daher heißen, uns den Verhältnissen auf allen Ebenen in den Weg zu stellen und uns dort zu organisieren, wo wir leben und arbeiten.

  • sei es in basisgewerkschaftlichen Ansätzen gegen die alltägliche Lohnschinderei, prekäre Beschäftigung, Arbeitsplatzabbau oder im Kampf für höhere Löhne,
  • sei es in Frauenorganisierungen gegen Sexismus und die herrschenden patriarchalen Verhältnisse,
  • sei es in antifaschistischen Gruppen gegen rechte Hetze und den Rechtsruck,
  • sei es in Wohn- und Mieterinitiativen für bezahlbaren Wohnraum und gegen Luxussanierungen oder
  • sei es in unabhängigen Stadtteilzentren, um Solidarität und Kollektivität aufzubauen und erlebbar zu machen.

Für uns ist dabei immer unser Ausgangspunkt in erster Linie der Stadtteil. Daher versuchen wir auch immer einen konkreten Bezug zu diesem herzustellen. Wie das konkret aussieht sieht man an den Kampagnen im Stadtteil gegen Rechtspopulismus, gegen die türkischen Faschisten auf der langen Ost Nacht, aber auch an unserer Beschäftigung zur Geschichte von Stuttgart Ost.