Wenn wir streiken steht die Welt still!

Frauen*streik in der Schweiz!

Flugblatt des Frauenkollektivs Stuttgart

Seit einigen Jahren gehen Frauen weltweit auf die Straße und streiken, um eine gleichwertige Bezahlung, die gerechte Aufteilung der Haus- und Sorgearbeit, eine echte Gleichbehandlung der Geschlechter und Selbstbestimmung über das eigene Leben und den eigenen Körper einzufordern. Am 14. Juni findet deshalb auch in der Schweiz ein Frauen*streik statt. In Vorbereitung darauf wird seit einigen Monaten schweizweit über diese Themen diskutiert. Wir solidarisieren uns mit den Streikenden in der Schweiz und wollen hier bei uns auf diese Ungleichheit aufmerksam machen und darüber diskutieren.

Auch in Deutschland ist die ungleiche Entlohnung von Frauen im Beruf noch Alltag. Gerade im schlecht bezahlten Erziehungs-, Pflege- und Gesundheitssektor arbeiten überwiegend Frauen. Diese Tätigkeiten werden als typische „Frauenberufe“ angesehen und finden in der Gesellschaft kaum Anerkennung und Wertschätzung. Ohne diese als Beruf ausgeübte Haus- und Sorgearbeit funktioniert unsere Gesellschaft jedoch nicht und deshalb müssen wir eine Aufwertung dieser Arbeiten und eine angemessene Entlohnung in diesen Bereichen fordern. Jede Arbeit muss ein selbstständiges Leben sichern können, damit Frauen nicht auf einen besser verdienenden Partner angewiesen sind, mehrere Jobs gleichzeitig ausüben oder am Existenzminimum leben müssen. Durch eine geringere Bezahlung, eine der höchsten Steuer- und Abgabepflichten für Zweitverdienende in der Ehe in Europa, häufige Teilzeitarbeit durch die Doppelbelastung mit Haushalt/Kindern und Beruf sowie Fehlzeiten durch die Kindererziehung droht Frauen überdurchschnittlich oft die Altersarmut.

Doch nicht nur im Beruf, auch die private Haus- und Sorgearbeit wird immer noch zu ca. 85% von Frauen übernommen. Ganz selbstverständlich werden Frauen auch innerhalb der eigenen Familie auf die typisch weibliche Rolle reduziert: Treue Partnerin, sorgende Hausfrau und liebende Mutter. Die Aufteilung dieser Aufgaben liegt auf der Hand: die gesamte Haus- und Sorgearbeit wird als genetische Bestimmung der Frauen angesehen. Die Vielschichtigkeit und Wichtigkeit dieser Arbeiten wird kleingeredet, die Frauen folgen nur ihrer „natürlichen Bestimmung“. Dieses Bild der Frau wird uns tagtäglich durch Medien, wie die Werbung oder das Fernsehen, vorgelebt und als erstrebenswertes Ideal verkauft. Auch wenn viele Frauen heute ihr Leben entgegen diesen Rollenzuschreibungen gestalten wollen, bleibt die Haus- und Sorgearbeit meist an ihnen hängen. Auch ohne all diese (un-)bezahlte Arbeit der Frauen würde unsere Gesellschaft und Wirtschaft nicht funktionieren. Niemand kümmert sich um die Kinder, putzt das Haus, wäscht die Wäsche, pflegt ältere Angehörige und sorgt dafür, dass die arbeitenden Mitglieder des Haushalts weiterhin gesund zur Arbeit gehen können. Obwohl diese Arbeit so grundlegend wichtig ist, wird diese nicht entlohnt und als richtige Arbeit anerkannt. Haus- und Sorgearbeit muss hingegen als wichtiger Bestandteil angesehen werden, deren Verteilung fairer gestaltet und kollektiviert werden muss.

Neben der beruflichen und privaten Haus- und Sorgearbeit sind Frauen auch in ihrer körperlichen und sexuellen Selbstbestimmung eingeschränkt. Sie sollen sexy, stets verfügbar aber auf der anderen Seite nicht leicht zu haben sein. Ihnen wird oft abgesprochen eigene Bedürfnisse und Ansprüche in ihrer Sexualität zu haben. Leben Frauen im Gegensatz zu Männern diese offen und frei aus, werden sie häufig als „Schlampe“ verschrien. Auch Abtreibungen sind immer noch grundsätzlich strafbar und werden nur nach einem langwierigen Verfahren genehmigt. Die frei zugänglichen Informationen zu Abtreibungen sind immer noch durch den §219a stark beschränkt und Frauenärzt*innen, die dennoch Aufklärungsarbeit leisten, werden kriminalisiert. Durch die schlechte Informationslage werden Frauen entmündigt und in gesundheitliche Gefahr gebracht. Im Alltag können viele Frauen immer noch nicht frei über ihr Leben entscheiden und werden von ihren Ehemännern, Vätern, Partnern und anderen Männern, wie z.B. Kollegen bevormundet. 40% der Frauen haben seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erlebt. 2017 waren fast 140.000 Frauen von häuslicher Gewalt betroffen und auf 364 Frauen wurde ein Tötungsversuch von ihren Partnern oder Ex-Partnern ausgeführt.

Dies wollen wir nicht länger hinnehmen. Wir streiken für eine Gesellschaft in der alle Menschen gleichberechtigt und solidarisch miteinander leben können. Wir fordern die gerechte Aufteilung der privaten Haus- und Sorgearbeit und Anerkennung sowie gerechte Entlohnung für die Arbeit in diesem Bereich. Wir fordern die Selbstbestimmung über unser Leben und unseren Körper. Wir fordern die Zerschlagung der Rollenbilder und wollen als eigenständige und selbstbestimmte Personen anerkannt und gesehen werden. Eine Veränderung der Gesellschaft können wir jedoch nur gemeinsam erreichen und deshalb müssen wir uns im Freundeskreis, bei der Arbeit oder in der Nachbarschaft als Gruppen zusammenschließen und uns organisieren. Nur wenn wir viele sind, ist es nicht mehr möglich uns und unsere Forderung nach einem gleichberechtigten Leben ohne Unterdrückung zu überhören.

„Ändern wir nicht die Frauen, ändern wir die Gesellschaft“


Veranstaltung zum Frauen*streik in der Schweiz

Samstag, 06. Juli, 18 Uhr
Stadtteilzentrum Gasparitsch
Rotenbergstr. 125,
U4 Ostendplatz, U9 Raitelsberg


Frauenkollektiv Stuttgart