Zusammen kämpfen gegen  Patriarchat und Kapitalismus

Zusammen kämpfen gegen Patriarchat und Kapitalismus

Der Frauenkampftag am 8. März steht wie kein anderer Tag für die Gleichstellung von Frauen und damit für den Kampf gegen patriarchale Unterdrückung und Ausbeutung.

Dieser Tag geht zurück auf die Frauenbewegung des frühen 19. Jahrhunderts, die für das Wahlrecht der Frauen eintrat und dieses, allen Widerständen zum Trotz, auch erkämpfte. Eine Errungenschaft, welche uns heute als normal und gegeben scheint, aber in harten Auseinandersetzungen gegenüber der herrschenden, patriarchalen Gesellschaftsordnung durchgesetzt werden musste. Vieles, was für uns heute selbstverständlich ist, mussten Frauen gegen den Widerstand einer männerdominierten Gesellschaft durchsetzen. Dass alle Frauen zu Zeiten unsere (Groß)Mütter eine Erlaubnis ihres Ehemannes oder ihres Vaters vorweisen mussten, wenn sie eine Arbeit aufnehmen wollten, scheint uns rückblickend vollkommen absurd.

Nicht einmal das Recht, über ihren eigenen Körper zu bestimmen, erkannte man Frauen zu! So galt Vergewaltigung in der Ehe als nicht möglich. Erst 1997 erkannte auch die Bundesrepublik an, dass „Nein“ auch in der Ehe „Nein“ heißt und Frauen keine Objekte des Ehemannes sind, die ständig für sexuelle Übergriffe ohne jegliche rechtliche Konsequenzen zur Verfügung zu stehen haben.
Die Selbstbestimmung über den eigenen Körper wird Frauen noch immer beim Schwangerschaftsabbruch abgesprochen, was unter anderem durch den § 218 im Strafgesetzbuch deutlich wird. Dieser besagt, dass in Deutschland ein Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich für alle Beteiligten strafbar ist. Nur durch den langwierigen, zähen und solidarischen Kampf vieler Frauen war es immerhin möglich, dass Schwangerschaftsabbrüche unter bestimmten Voraussetzungen nicht strafrechtlich verfolgt werden. Wohin es führt, wenn u.a. das Patriarchat erstarkt, sieht man im Nachbarland Polen, wo das aktuelle Abtreibungsrecht eines der strengsten in ganz Europa ist.

Diese Beispiele, die nur einen kleinen Ausschnitt aus unserer Realität abbilden, sind symptomatisch für eine Gesellschaftsordnung, die wir Patriarchat nennen.

Gegen die Herrschaft des Patriarchats

Auch hierzulande wird das Patriarchat weder müde, noch leiser und reproduziert sich stetig. Eine Gesellschaftsordnung, die auf der Herrschaft des Mannes und der Unterdrückung der Frau basiert und dieses Verhältnis als angeblich naturgegeben vollkommen unreflektiert darstellt. Wörtlich bedeutet Patriarchat „Väterherrschaft“*, postuliert aber eigentlich die Herrschaft des heteronormativen Mannes über die Frau*. Patriarchat meint die strukturelle aber auch unmittelbare Herrschaft von heteronormativen Männern über Frauen, die sich sowohl politisch, sozial, ökonomisch, psychologisch wie auch körperlich äußert. Dies kann beispielsweise durch diskriminierende und unterdrückende Gesetzgebung, Institutionen oder direkt durch dominantes und herabwürdigendes Verhalten von Männern gegenüber Frauen geschehen.

Zumeist basieren diese angeblichen Naturgesetzgegebenheiten auf der Konstruktion von vermeintlich biologisch begründeten Verhaltensunterschieden und Rollenzuschreibungen auf die Geschlechter. Lob für schöne Beine oder auch der Hinweis „Lach doch mal“, geht in unserer Gesellschaft meist nur an Frauen, haben diese doch hübsch, adrett und nett anzusehen zu sein, ständig freundlich vor sich hinlächelnd, höflich und zuvorkommend. Zumindest aus Sicht der Mehrheit der Männer in unserer Gesellschaft. Aber nicht nur der Rolle als „hübsches Aushängeschild des Mannes“, sollen Frauen gerecht werden, sondern auch der Rolle der „liebenden“, den Mann und die gesamte Familie umsorgenden (Ehe)Frau. Angeblich deshalb, weil Frauen gerade in diesem Bereich ein besonderes Händchen hätten, sprich also besonders sozial, häuslich, sensibel und einfühlsam usw. wären.

Wer aus diesem Schema versucht auszubrechen, wird in der deutschen Sprache beispielsweise mit dem Ausdruck „Rabenmutter“ bedacht. Der Begriff „Rabenmutter“ stigmatisiert selbstbestimmte Frauen, welche sich nicht der männliche dominiertenFamilienhierarchie unterordnen, sondern einer Lohnarbeit nachgehen, als Mütter, die ihren Mann und und die Kinder im Stich lassen um ihren Individualismus ausleben.

Schon von Kindesbeinen an werden Mädchen und Jungen auf diese Trennung zwischen Männern und Frauen mit den verschiedenen Rollen und den jeweiligen dahinterliegenden Zuschreibungen getrimmt. Durch rosafarbene Überraschungseier, Glitzerfeen-Merchandise und Puppenhäuser, erscheint es als vollkommen normal, dass es Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, die angeblich schon von Geburt an vorhanden sind. Rosa für Mädchen, Blau für Jungs oder Barbies, Einhörner und Spielherd für Mädchen, Polizei, Feuerwehr und Bauecke für Jungen. Dass uns Medien, Werbung sowie Oma, Opa und andere Verwandte genauso wie das vorhanden Angebot vorschreiben, das Mädchen prinzipiell rosa Klamotten tragen müssen und auf Pferde, Feen und Prinzessinnen – oder gleich Kombinationen aus allem– stehen, wird unreflektiert hingenommen. Wie selbstverständlich finden diese Dinge Einzug in weibliche, selbstredend rosa Kinderzimmer und manifestieren schon in der Erziehung von Kleinkindern die vorgegebenen Geschlechterrollen unserer Gesellschaft.

Wer mit diesen vermeintlich weiblichen Idealen aufzuwachsen hat, muss sich folgerichtig auch in sogenannten MINT-Fächern schwerer tun, noch dazu, wenn Mathematik-, Informatik-, Naturwissenschafts- und Techniklehrer zudem meist ähnliche Geschlechterzuschreibungen im Kopf haben, nämlich die von den musisch-kreativen und sprachlich begabten, emotionalen Mädchen, die sich mit sachlichen, klarstrukturierten Themen schwer tun.

Fast könnte man glauben, dass Frauen mit einem „Care“-Gen ausgestattet sind und deshalb besonders gut für die gleichnamige Arbeit taugen würden.

So ist es wenig verwunderlich, dass sie in eben diesen Berufen überproportional vertreten sind: Pflegerinnen, Erzieherinnen, Grundschullehrerinnen, Sozialarbeiterinnen sind nur einige Beispiele der Berufsgruppen, welche die Sorge für die Regenerierung der Arbeitskraft tragen, jedoch bei weitem nicht annähernd ähnlich wie das produzierende Gewerbe entlohnt werden und das, obwohl die meisten der Frauen nach ihrem Arbeitstag zuhause zusätzlich die gleiche häusliche Aufgabenlast zu erledigen haben, wofür sie selbstredend keinerlei finanzielle Entlohnung erhalten. Dass dies so ist, hat aber nicht nur etwas mit der patriarchalen Unterdrückung durch zugeschriebene Geschlechterrollen zu tun, sondern ist tief in der kapitalistischen Verwertungslogik begründet.

Wer vom Kapitalismus redet darf vom Patriarchat nicht schweigen

Da sich das Patriarchat historisch schon weit vor dem Kapitalismus in unserer Gesellschaft manifestiert hat, ist es nicht verwunderlich, dass sich der Kapitalismus dessen bemächtigt und die patriarchale Logik in die seine integriert hat. Heute wird oft der Kampf gegen nur eine dieser beiden Unterdrückungsmechanismen postuliert und beide Kämpfe getrennt voneinander geführt. Es finden zum Beispiel in Lohnforderungen oder Streiks wenig spezifisch weibliche Forderungen ihren Ausdruck, während es gleichzeitig im Kampf um Frauenrechte hauptsächlich um die Gleichstellung von Mann und Frau geht und der Kapitalismus unerwähnt bleibt. Der Kampf gegen den Kapitalismus wird oft auf die Unterdrückung durch Aneignung des Mehrwertes reduziert unter der alle leiden, unabhängig vom Geschlecht. Diese These ist genauso abzulehnen, wie die Behauptung, dass ein reiner Kampf gegen das Patriarchat die Befreiung der Frau ermöglichen würde. Er bietet sicherlich grundsätzliche Verbesserungen innerhalb unseres Wirtschaftssystems für die Betroffenen und ist deshalb auch nicht abzulehnen. Aber dieser Kampf beendet eben nicht die Ausbeutung von Frauen, welcher diese im Kapitalismus ausgesetzt sind, da der Kapitalismus das Patriarchat in seiner aktuellen Struktur benötigt und nutzt.

Denn das Patriarchat bietet mit seiner den Geschlechtern zugewiesenen Rollen einen großen Vorteil für die kapitalistische Mehrwertproduktion: Um über genügend Produktivkräfte zu verfügen und diese nutzbar zu machen, ist es gut, wenn die Verrichtung der Reproduktionsarbeit – wie etwa die Zubereitung des Essens, putzen, Kinder oder Familienangehörige betreuen, usw. – ohne Bezahlung von Frauen erledigt wird. Es befreit sozusagen die Männer von der Notwendigkeit sich um diese Art der Arbeit zu kümmern. Gleichzeitig werden damit mehr Freiräume geschaffen, um Männer länger und effizienter arbeiten zu lassen, sprich, die Mehrwertproduktion zu steigern. Der Kapitalismus nutzt also das Patriarchat dafür, dass der Nachschub an Produktivkräften und deren Versorgung sichergestellt wird. Die geschieht in aller Regel durch Frauen, die keinerlei Bezahlung erhalten, während gleichzeitig die generelle Produktivität gesteigert wird.

Um dieses Verhältnis aufrechtzuerhalten wurden beispielsweise in der Zeit des Wirtschaftswunders in den 60er Jahren Gastarbeiter aus Italien, Griechenland oder der Türkei angeworben, um Frauen nicht vollumfänglich in den Arbeitsmarkt integrieren zu müssen. Erst im Zuge der Verbreitung der Elektrotechnik wurden Frauen in die Produktionshallen gelassen, da sie angeblich „fingerfertiger“ waren als Männer. Der Lohn war gegenüber den Männern deutlich geringer. Frauen wurden prinzipiell, bei gleicher Tätigkeit schlechter eingruppiert und bezahlt. Eine Situation, die sich bis heute nicht verändert hat. Frauen arbeiten in Deutschland im Vergleich zu Männern immer noch an 77 Tagen des Jahres umsonst. Frauen werden so in den unsichtbaren privaten Bereich gedrängt, wodurch sie von gesellschaftlichen Einflussmöglichkeiten und damit von Macht, ferngehalten werden. Denn Einfluss und Macht oder ein zumindest in Teilen selbstbestimmtes Leben im Kapitalismus, sind an die Teilnahme an Lohnarbeit bzw. die Teilhabe an materiellem Besitz gekoppelt. Mit dem Versuch des Ausschlusses der Frauen von der Lohnarbeit, hat ein großer Teil der Frauen keine Möglichkeit, sich in die direkte Auseinandersetzung mit den kapitalistischen Verhältnissen zu begeben. Denn wer nicht arbeitet, kann auch nicht streiken oder wer zwar arbeitet, aber nicht in der klassischen Mehrwertproduktion, ist in seiner Kampffähigkeit eingeschränkt. Abgebildet wird dies an den deutlich geringeren Löhnen in der Care-Arbeit. Die schlechtere Bezahlung in den sogenannten Care-Berufen ist ein Hauptgrund für den enorm großen Unterschied zwischen den Einkommen von Männern und Frauen. Auf der einen Seite verschärft sich damit die Abhängigkeit der Frauen von Männern, gleichzeitig dienen aber auch die schlechten Arbeitsbedingungen der Frauen dazu, die Konkurrenz insgesamt zu erhöhen und somit den Druck auf alle Lohnabhängigen zu verschärfen.

Kampf dem Kapitalismus muss auch heißen dem Patriarchat die Wurzeln zu entziehen

All diese Beispiele zeigen, dass das Patriarchat und der Kapitalismus eine Symbiose der Unterdrückung der Menschen eingegangen sind, die nur im Interesse weniger liegen kann. Der Kampf um die Befreiung der Menschheit kann also einzig den gemeinsamen Kampf gegen Patriarchat und Kapitalismus bedeuten. So gilt es, den Kampf gegen die Unterdrückung der Frau mit in den Mittelpunkt der aktuell stattfindenden Klassenkämpfe zu rücken und zu versuchen eine antipatriarchale Perspektive in diesen Kämpfen zu entwickeln. Beispielhaft hierfür ist, der Versuch in Rojava, eine Gesellschaft jenseits von Kapitalismus und Patriarchat aufzubauen. Hier wurde und wird die Frauenfrage zum „Dreh- und Angelpunkt der gesellschaftlichen Transformation“ gemacht. Dies bedeutet, neben der eigenständigen militärischen Organisierung von Frauen in eigenen Einheiten, gerade im zivilgesellschaftlichen institutionellen Zusammenleben eine bedeutende Steigerung von verankerten Frauenrechten und Stärkung ihrer Rolle in der Gesellschaft. So haben sie sich auch Möglichkeiten geschaffen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Es wurden Frauenräte gebildet und Strukturen, um patriarchale Gewalt zu unterbinden. Sie gründeten eigene Frauen-Akademien, um auch in dieser Hinsicht nicht von den männlich dominierten vorhandenen Bildungsmöglichkeiten abhängig zu sein. Gerade im von konservativen Rollenbildern geprägten Mittleren Osten zeigt sich sehr deutlich, dass die Frauen die Revolution ausnutzen, um aus ihrer gesellschaftlichen Isolierung und der Gebundenheit an den Haushalt auszubrechen. Eine Entwicklungen die sehr fortschrittlich ist und deutlich mehr ist als alles in Westeuropa bisher erreichte. So zeigt das Beispiel Rojava wie auch viele weitere, dass der gemeinsame Kampf zum Erfolg werden kann und eine und zur tatsächlichen Befreiung der Menschen führen kann.

Nur im gemeinsamen Kampf gegen Patriarchat und Kapitalismus kann ein kollektives Bewusstsein über die gemeinsame Stärke erlangt werden und ein Schritt in Richtung sozialer Revolution gegangen werden! Für uns gilt es, die Spaltung zwischen Geschlechtern und die Zurichtung auf spezifische Rollen zu durchbrechen und kollektiv und organisiert für eine Gesellschaft frei von jeder Ausbeutung und Unterdrückung zu kämpfen.

Zusammen Kämpfen
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